
Lukas 9,60 ist eine der eindringlichsten und am meisten missverstandenen Aussagen, die Jesus je gemacht hat. Jesus sagte: „Lass die Toten ihre Toten begraben. Du aber geh und verkünde das Reich Gottes.“ (Lukas 9,60) Auf den ersten Blick kann dieser Vers hart, kalt oder sogar mitleidslos klingen. Aber wenn man den Kontext und die tiefere geistliche Bedeutung versteht, offenbart er etwas Kraftvolles über das Leben, die Identität und den Ruf, Jesus nachzufolgen.
Der Mann, der zu Jesus sprach, sagte zunächst, er wolle ihm nachfolgen, aber er wolle „zuerst hingehen und seinen Vater begraben“. Viele Gelehrte glauben, dass der Vater vielleicht noch gar nicht gestorben war. In der jüdischen Kultur könnte dieser Satz auch bedeuten, die Verpflichtung aufzuschieben, bis familiäre Verpflichtungen und Erbschaftsangelegenheiten geregelt waren. Mit anderen Worten: Der Mann sagte: „Jesus, ich werde dir später nachfolgen, aber lass mich zuerst alles andere regeln.“
Jesus antwortet mit schockierenden Worten, weil er etwas Tieferes aufdeckte. „Lass die Toten ihre Toten begraben.“ Jesus stellte das geistliche Leben dem geistlichen Tod gegenüber. Diejenigen, die außerhalb des Lebens Gottes standen, waren geistlich tot, auch wenn sie körperlich lebten. Aber Jesus lud diesen Mann in das wahre Leben ein, das nur durch ihn zu finden ist. (Johannes 5,24)
Jesus lehrte die Gläubigen niemals, ihre Familie zu vernachlässigen oder emotional kalt zu werden. In der gesamten Heiligen Schrift zeigte Jesus Mitgefühl, Liebe und Fürsorge gegenüber den Menschen. Selbst als er am Kreuz starb, sorgte sich Jesus um seine Mutter, indem er sie Johannes anvertraute. (Johannes 19,26–27) Lukas 9,60 kann also nicht so ausgelegt werden, dass Jesus Grausamkeit gegenüber geliebten Menschen lehrte.
Was Jesus offenbarte, ist, dass nichts mit dem Leben vergleichbar ist, das in ihm zu finden ist. Das Reich Gottes sollte nicht zu einer weiteren zweitrangigen Priorität werden, die einem ohnehin schon selbstbestimmten Leben hinzugefügt wird. Jesus konfrontierte gespaltene Herzen und zögerliche Hingabe.
Viele Menschen leben heute noch nach dem „Lass mich erst mal“-Christentum. „Jesus, lass mich erst mal mich selbst in Ordnung bringen.“ „Lass mich erst mal erfolgreich werden.“ „Lass mich erst mal mein Leben aufräumen.“ „Lass mich erst mal alles klären.“ Aber im Evangelium geht es nicht darum, irgendwann zu Jesus zu kommen, wenn das Leben perfekt organisiert ist. Jesus selbst ist das Leben, nach dem die Menschen gerade jetzt suchen. (Kolosser 3,4)
Eine der tiefsten Offenbarungen in diesem Vers ist das Verständnis, dass Jesus allein die Quelle des wahren Lebens ist. Außerhalb von Christus mögen Menschen körperlich aktiv, emotional getrieben, finanziell erfolgreich oder gesellschaftlich bewundert sein, doch innerlich sind sie spirituell leer. Die Menschheit wurde nie dazu geschaffen, Leben außerhalb der Vereinigung mit Gott zu finden.
Deshalb ist das vollendete Werk Jesu so unglaublich wichtig. Jesus kam nicht nur, um das menschliche Verhalten zu verbessern. Er kam, um die tote Menschheit durch sich selbst zum geistlichen Leben zu erwecken. Durch das Kreuz und die Auferstehung wurden Gläubige aus dem geistlichen Tod herausgeführt und in die ewige Vereinigung mit Gott gebracht. (Epheser 2,4–6)
Der Feind versucht ständig, Menschen davon zu überzeugen, die innige Beziehung zu Jesus aufzuschieben. Er flüstert Dinge wie: „Später.“ „Wenn das Leben ruhiger wird.“ „Wenn du älter bist.“ „Wenn du dich würdiger fühlst.“ Aber die Gnade erinnert die Menschen daran, dass Jesus nicht auf perfekte Leistung wartet, bevor er sie annimmt. Er lädt die Menschen jetzt zu sich ein.
Diese Wahrheit verändert den Alltag, denn viele Gläubige bauen ihre gesamte Existenz unbewusst auf vorübergehende Prioritäten auf, während sie die innige Beziehung zu Christus vernachlässigen. Karriere, Geld, Image, Leistung, Beziehungen und öffentliche Anerkennung verblassen letztendlich alle. Aber das Leben in Jesus Christus bleibt ewig.
Jesus hat die Bedeutung der Menschen nicht herabgesetzt. Er hat die Dringlichkeit und Vorrangstellung des Lebens, das in ihm zu finden ist, hervorgehoben. Wenn jemand Jesus Christus wirklich begegnet, beginnt alles andere, seine richtige Perspektive zu finden. Das Reich Gottes hört auf, nur ein Nebenschauplatz des Lebens zu sein, und wird zum Fundament, auf dem das Leben selbst ruht.
Lukas 9,60 ist letztlich eine Einladung, das Zögern hinter sich zu lassen und ins Leben einzutreten. Jesus rief die Menschen jenseits von Religion, Verpflichtung und vorübergehenden Ablenkungen in die Gemeinschaft mit sich selbst. Durch das vollendete Werk Jesu Christi sind die Kinder Gottes nicht länger geistlich tot und versuchen, das Leben woanders zu finden. Das wahre Leben ist bereits vollständig in Christus selbst offenbart worden.
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