
In Hebräer 1,9 heißt es: „Du hast die Gerechtigkeit geliebt und das Unrecht gehasst; darum hat Gott, dein Gott, dich mit dem Öl der Freude gesalbt, mehr als deine Gefährten.“ Auf den ersten Blick scheint dieser Vers nur Jesus zu beschreiben. Im Kontext ist es genau das, was der Verfasser tut. Hebräer Kapitel 1 begründet die Vorrangstellung Christi. Der Verfasser zeigt, dass Jesus größer ist als die Engel, größer als jeder Bote, der vor ihm kam, und aller Ehre und Anbetung würdig ist. Dieser Vers ist eigentlich ein Zitat aus Psalm 45, einem königlichen Hochzeitspsalm, der letztlich auf den Messias hinweist.
Die ursprünglichen Adressaten des Hebräerbriefes standen unter Druck, wurden verfolgt und lebten in Unsicherheit. Viele Gläubige waren versucht, zu alten religiösen Systemen zurückzukehren, weil es schwierig geworden war, Jesus nachzufolgen. Der Verfasser lenkt ihren Blick immer wieder von ihren Umständen weg und zurück auf Christus. Er möchte, dass sie erkennen, dass Jesus nicht bloß ein weiterer Lehrer oder Prophet ist. Er ist der ewige Sohn Gottes, der zur Rechten des Vaters sitzt und für immer regiert.
Eines der Schlüsselwörter in diesem Vers ist das griechische Wort für Gerechtigkeit, dikaiosynē. Es spricht von dem, was richtig, gerecht und vollkommen im Einklang mit Gottes Wesen ist. Jesus liebte die Gerechtigkeit nicht nur gelegentlich. Er liebte die Gerechtigkeit vollkommen. Jeder Gedanke, jede Handlung, jedes Wort und jedes Motiv entsprang der vollkommenen Harmonie mit dem Herzen des Vaters. Wo Adam versagte, war Jesus erfolgreich. Wo die Menschheit versagte, war Jesus vollkommen.
Der Vers sagt auch, dass Jesus das Böse hasste. Das griechische Wort ist anomia, was Gesetzlosigkeit oder Rebellion gegen Gott bedeutet. Jesus hasste alles, was Menschen zerstörte, Menschen von Gott trennte und den Tod in die Welt brachte. Doch beachte etwas Wunderschönes: Während er die Sünde hasste, liebte er die Sünder. Er saß mit Zöllnern zusammen. Er berührte Aussätzige. Er vergab Ehebrechern. Er nahm die Gebrochenen auf. Sein Hass richtete sich niemals gegen Menschen. Er richtete sich gegen den Fluch, der sie zerstörte.
Hier wird das vollendete Werk Jesu unglaublich kostbar. Wenn dieser Vers davon abhinge, dass du die Gerechtigkeit vollkommen liebst und die Bosheit vollkommen hasst, würde keiner von uns bestehen. Jeder von uns hat versagt. Jeder von uns hatte Momente der Schwäche, des Scheiterns und des Kompromisses. Aber der Hebräerbrief weist uns nicht in erster Linie auf unsere Leistung hin. Er weist uns auf die Vollkommenheit Christi hin.
Jesus wurde der gerechte Vertreter, den die Menschheit so dringend brauchte. Er erfüllte jede Anforderung des Gesetzes. Er gehorchte, wo wir ungehorsam waren. Er blieb treu, wo wir versagten. Dann trug er unsere Sünden ans Kreuz und tauschte seine Gerechtigkeit gegen unsere Ungerechtigkeit ein. Der Vater sieht nun jeden Gläubigen durch die Vollkommenheit seines Sohnes. Deshalb ist dein Stand vor Gott sicher. Er gründet auf dem Gehorsam Christi, nicht auf deinem.
Der Ausdruck „Öl der Freude“ hätte in der Antike eine tiefe Bedeutung gehabt. Öl wurde verwendet, um Könige, Priester und Menschen zu salben, die für besondere Zwecke auserwählt waren. Es symbolisierte Gunst, Segen und Freude. Weil Jesus seine Mission vollkommen erfüllt hat, hat der Vater ihn erhöht und ihn über alle anderen gesalbt. Das Kreuz war nicht das Ende der Geschichte. Es folgten Auferstehung, Himmelfahrt und Herrlichkeit.
Das Bemerkenswerte ist, dass Gläubige nun an den Segnungen teilhaben, die Christus gehören. Nicht, weil wir sie verdient hätten, sondern weil wir mit ihm vereint sind. Die Freude, die Jesus gesichert hat, wird zu unserer Freude. Die Annahme, die er genießt, wird zu unserer Annahme. Die Beziehung, die er zum Vater hat, wird zu der Beziehung, die wir nun durch Gnade genießen. Alles entspringt unserer Vereinigung mit ihm.
Vielleicht liest du das heute und bist von dir selbst enttäuscht. Vielleicht sind dir die Fehler, die du diese Woche gemacht hast, schmerzlich bewusst. Vielleicht hast du das Gefühl, dass du in deinem Leben mit Gott schon weiter sein solltest. Hebräer 1,9 erinnert uns daran, dass unser Vertrauen nicht darin liegt, auf uns selbst zu schauen. Es liegt darin, auf Jesus zu schauen. Je mehr du dich auf deine Fehler konzentrierst, desto schwerer wird die Last. Je mehr du dich auf die Vollkommenheit Christi konzentrierst, desto mehr erfüllt Ruhe dein Herz.
Heute kannst du tief durchatmen und zur Ruhe kommen. Jesus hat die Gerechtigkeit vollkommen für dich geliebt. Jesus hat die Sünde für dich besiegt. Jesus hat dir die Annahme gesichert. Der Vater prüft dein Leben nicht auf der Suche nach Gründen, dich abzulehnen. Er sieht dich bekleidet mit der Gerechtigkeit seines geliebten Sohnes. Wegen Jesus bist du angenommen. Wegen Jesus bist du geborgen. Wegen Jesus kannst du diesen Tag mit Freude durchleben, in dem Wissen, dass derjenige, der mit Freude gesalbt wurde, diese Freude nun frei mit dir teilt.
This entry was posted in Austausch zum Bibellesen, Fundstücke, Gemeinsam Bibellesen and tagged Hebräer 1 by Jule with no comments yet
Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.