
„Christen sollten niemals Angst, Trauer oder Depressionen empfinden.“
Das ist eine Aussage, die manchmal angedeutet wird,
auch wenn sie nicht direkt ausgesprochen wird.
Sie zeigt sich auf subtile Weise,
wenn man jederzeit Frieden erwartet,
wenn Trauer fehl am Platz erscheint
oder wenn Schwierigkeiten schnell bereinigt werden,
anstatt sie sorgfältig zu verstehen.
Lange Zeit schien es naheliegend anzunehmen,
dass ein Leben im Glauben beständig und ungestört aussehen sollte.
Schließlich spricht die Heilige Schrift oft von Frieden.
Jesus sagte: „Frieden hinterlasse ich euch;
meinen Frieden gebe ich euch“
(Johannes 14,27).
Paulus schrieb über „den Frieden Gottes,
der alles Verstehen übersteigt“
(Philipper 4,7).
Beim ersten Lesen können diese Stellen so klingen,
als gäbe es keine inneren Unruhen.
Aber wenn man sich den Text genauer ansieht,
wird Frieden in der Bibel nicht beschrieben
als Abwesenheit von Emotionen,
sondern als die Gegenwart Gottes darin.
Denn an anderer Stelle
spricht die Bibel genauso deutlich
von Angst, Kummer und tiefer Trauer.
In den Psalmen schrieb David:
„Warum bist du so niedergeschlagen,
meine Seele, und warum bist du
in Aufruhr in mir?“
(Psalm 42,5).
Das ist kein vorübergehendes Unbehagen.
Es ist ein ehrlicher Ausdruck innerer Not.
An einer anderen Stelle
sagte er: „Meine Tränen sind meine Speise
Tag und Nacht“ (Psalm 42,3).
Die Sprache ist nicht zurückhaltend.
Sie ist direkt.
Sie zeigt, dass der Glaube
die Trauer nicht beseitigte,
sondern ihr einen Raum gab, ausgesprochen zu werden.
Das gleiche Muster zeigt sich
im Leben Jesu.
In Gethsemane sagte er:
„Meine Seele ist sehr betrübt,
bis zum Tod“ (Matthäus 26,38).
Lukas fügte hinzu, dass er
„in Todesangst“ war, als er betete
(Lukas 22,44).
Das sind keine abstrakten Beschreibungen.
Sie zeigen, dass sogar der Sohn Gottes
in tiefe Not geriet.
Das Vorhandensein von Trauer bedeutete nicht,
dass der Gehorsam fehlte.
Es existierte neben ihm.
Auch Paulus schrieb offen
über seine eigene Erfahrung.
Er beschrieb, dass er „so überaus bedrängt
war, über unsere Kraft hinaus, dass wir
am Leben selbst verzweifelten“
(2. Korinther 1,8).
Das ist kein leichter Druck.
Es ist eine Sprache, die
eine überwältigende Last anerkennt.
Und doch interpretierte Paulus
diese Erfahrung nicht als Versagen des Glaubens.
Er verstand sie als etwas,
das die Abhängigkeit von Gott lehrte.
Zusammengenommen ergeben diese Passagen
ein vollständigeres Bild.
Die Schrift stellt kein Leben dar,
in dem Emotionen ausgeblendet sind.
Sie stellt ein Leben dar, in dem Emotionen
vor Gott gebracht werden.
Frieden ist nicht die Abwesenheit von Angst.
Es ist der Ort, an dem Angst
anders getragen wird.
Trauer wird nicht geleugnet.
Sie wird ausgedrückt, beklagt
und anvertraut.
Selbst im Philipperbrief,
wo Paulus schrieb:
„Sorgt euch um nichts“,
hielt er es nicht dabei belassen.
Er fuhr fort:
„sondern in allem lasst eure Bitten
durch Gebet und Flehen
mit Danksagung vor Gott kommen“
(Philipper 4,6).
Die Anweisung lautet nicht,
so zu tun, als gäbe es keine Angst.
Sie lautet, sie an einen bestimmten Ort zu bringen.
Um darauf
auf eine bestimmte Weise zu reagieren.
Die Vorstellung also, dass Christen niemals
Angst, Trauer oder Depressionen empfinden sollten, spiegelt
das Zeugnis der Schrift nicht vollständig wider.
Der Glaube löscht die Realität menschlicher Emotionen nicht aus.
Er formt neu, wie diese Emotionen gehalten werden.
Er gibt ihnen Richtung, Sprache
und einen Ort, an dem sie verarbeitet werden können.
Und vielleicht wird hier die Einladung
der Schrift deutlicher.
Nicht das zu unterdrücken, was man fühlt,
sondern es ehrlich
vor den Einen zu bringen, der es bereits kennt.
Denn in der ganzen Bibel
wirkten die Menschen, die auf Gott vertrauten,
nicht immer stark.
Aber sie wandten sich weiterhin ihm zu,
selbst wenn ihre Herzen schwer waren.
Und in dieser Hinwendung nimmt etwas Tieferes Gestalt an
als die Abwesenheit von Kampf.
Kein Leben ohne Trauer, sondern ein Leben, in dem man der Trauer
nicht mehr allein gegenübersteht
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