
Für viele Gläubige war Hebräer 10,26–27 eine Warnung, dass Gott sich irgendwann gegen Christen wenden würde, wenn sie zu viel sündigen. Viele haben diese Verse gelesen und hatten große Angst, dass eine falsche Entscheidung sie wieder unter das Gericht bringen könnte. Wenn man diesen Abschnitt aber im ganzen Kontext und im Licht des vollbrachten Werks von Jesus Christus versteht, erzählt er eine ganz andere Geschichte.
Der Abschnitt lautet:
„Denn wenn wir vorsätzlich weiter sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, bleibt kein Opfer für Sünden mehr übrig, sondern nur noch ein schreckliches Warten auf das Gericht und ein Feuer, das die Gegner verzehren wird.“ (ESV)
Der Hebräerbrief wurde an Menschen geschrieben, die versucht waren, Jesus aufzugeben und zum alten System der Opfer unter dem Gesetz zurückzukehren. Der Verfasser warnt die Gläubigen nicht vor versehentlichem Versagen oder dem Kampf mit der Sünde. Er spricht etwas viel Tieferes an. Er spricht von der bewussten Ablehnung des einmaligen Opfers Jesu und der Entscheidung, zu einem System zurückzukehren, in dem die Menschen versuchten, durch wiederholte Tieropfer mit der Sünde umzugehen.
Der Ausdruck „wenn wir absichtlich weiter sündigen“ beschreibt nicht alltägliches menschliches Versagen. Im Kontext des Hebräerbriefes ist die absichtliche Sünde, die beschrieben wird, die Ablehnung des vollendeten Werkes Christi. Es ist die Entscheidung, sich von dem einzigen Opfer abzuwenden, das Sünde tatsächlich beseitigen kann. Wenn jemand das Opfer Jesu ablehnt, gibt es wirklich kein anderes Opfer mehr, denn Jesus war das endgültige und vollständige Opfer für die Sünde.
Die umgebenden Verse machen das deutlich. Nur wenige Sätze zuvor feiert der Verfasser das vollendete Werk Christi, indem er sagt: „Durch ein einziges Opfer hat er für immer diejenigen vollendet, die geheiligt werden.” Die gesamte Botschaft des 10. Kapitels des Hebräerbriefes lautet, dass Jesus das vollbracht hat, was das Gesetz und die alten Opfer niemals vollbringen konnten. Sein Opfer war nicht unvollständig. Es war vollständig. Sein Werk hat die Sünde nicht nur vorübergehend bedeckt. Es hat die Barriere zwischen Gott und der Menschheit ein für alle Mal beseitigt.
Wenn jemand die Wahrheit des Evangeliums versteht und trotzdem das vollendete Werk Jesu ablehnt, verlässt er den einzigen Ort, an dem Vergebung zu finden ist. Deshalb beschreibt die Passage eine furchtbare Erwartung des Gerichts. Sie beschreibt nicht einen Gläubigen, der mit der Sünde kämpft. Sie beschreibt die Folge der Ablehnung des einzigen Opfers, das tatsächlich mit der Sünde fertig geworden ist.
Für den Gläubigen, der seinen Glauben an Christus gesetzt hat, sollte diese Passage keine Angst hervorrufen. Tatsächlich vermittelt dasselbe Kapitel die gegenteilige Botschaft. Durch Jesus haben wir jetzt das Vertrauen, vor Gott zu treten. Unsere Herzen sind gereinigt worden. Gott erinnert sich nicht mehr an unsere Sünden und unsere gesetzwidrigen Taten. Das vollendete Werk Jesu hat einen dauerhaften Zugang zu Gott geschaffen, der nicht von menschlichen Leistungen abhängt.
Der Missbrauch dieser Passage im Laufe der Jahre hat viele aufrichtige Gläubige dazu gebracht, in Angst zu leben und sich ständig zu fragen, ob sie eine unsichtbare Grenze zu Gott überschritten haben. Aber das Evangelium verkündet etwas viel Größeres. Das Kreuz hat keine fragile Beziehung zu Gott geschaffen, die jedes Mal zerbricht, wenn wir versagen. Das Kreuz hat einen neuen Bund geschaffen, in dem Vergebung sicher ist, weil sie auf dem beruht, was Jesus vollbracht hat, und nicht auf unserer Fähigkeit, perfekt zu leben.
Hebräer 10 wurde geschrieben, um die Endgültigkeit des Opfers Christi zu preisen, nicht um Gläubigen mit dem Verlust dieses Opfers zu drohen. Die Botschaft lautet, dass kein weiteres Opfer nötig ist, weil das Werk Jesu bereits vollbracht ist. Diejenigen, die auf ihn vertrauen, leben nicht im Schatten des Gerichts. Sie leben in der Freiheit einer vollendeten Erlösung.
This entry was posted in Fragen, Fundstücke, Gemeinsam Bibellesen, Hebräer and tagged Hebräer 10 by Jule with no comments yet
Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.