
Im Lukasevangelium 10,38 steht, dass Jesus, als er in ein Dorf kam, von einer Frau namens Martha in ihrem Haus empfangen wurde.
Im jüdischen Kontext des ersten Jahrhunderts war Gastfreundschaft keine Option. Einen Gast – vor allem einen Rabbi – aufzunehmen, war eine heilige Pflicht. Es musste Essen vorbereitet, Platz geschaffen und mit Sorgfalt und Großzügigkeit Ehrerbietung gezeigt werden. Marthas Handeln war nicht sündhaft, sondern wurde erwartet, war notwendig und kulturell lobenswert.
Ihre Schwester Maria entschied sich jedoch für eine andere Haltung: Sie setzte sich zu Füßen des Herrn und hörte seinen Lehren zu. Das war keineswegs beiläufig. In der jüdischen Kultur war das Sitzen zu Füßen eines Lehrers die Haltung eines Schülers und signalisierte Unterwerfung, Lernen und Hingabe. Dass eine Frau diese Position einnahm, war kulturell bemerkenswert, und Jesus bestätigte ihre Entscheidung.
Die Spannung in der Geschichte entsteht nicht durch Marthas Dienst an sich. Sie entsteht, weil ihre Aufgaben allmählich ihr Herz veränderten. Lukas schreibt, dass Martha „𝐝𝐢𝐬𝐭𝐫𝐚𝐜𝐭𝐞𝐝 𝐰𝐢𝐭𝐡 𝐦𝐮𝐜𝐡 𝐬𝐞𝐫𝐯𝐢𝐧 𝐠” – ein Ausdruck, der bedeutet, in verschiedene Richtungen gezogen, gedehnt oder auseinandergerissen zu werden. Ihre Aufmerksamkeit war geteilt, ihre Verpflichtungen nahmen zu, und was als Hingabe begonnen hatte, wurde zu innerer Unruhe.
Schließlich kam ihre Frustration zum Vorschein – nicht nur gegenüber Maria, sondern auch gegenüber Jesus:
„𝐋𝐨𝐫𝐝, 𝐝𝐨 𝐘𝐨𝐮 𝐧𝐨𝐭 𝐜𝐚𝐫𝐞 𝐭𝐡𝐚𝐭 𝐦𝐲 𝐬𝐢𝐬𝐭𝐞 𝐫 𝐡𝐚𝐬 𝐥𝐞𝐟𝐭 𝐦𝐞 𝐭𝐨 𝐬𝐞𝐫𝐯𝐞 𝐚𝐥𝐨𝐧𝐞? (Lukas 10,40)
Diese Frage zeigt das eigentliche Problem. Martha hat viel Gutes gemacht, aber sie fühlte sich nicht gesehen und unterstützt. Ihr Selbstwertgefühl hing von dem ab, was sie tat. Als ihre Bemühungen nicht anerkannt wurden, war sie sauer. Was als Gastfreundschaft angefangen hatte, endete in einer Beschwerde.
Die Antwort Jesu ist jedoch sanft:
„𝐌𝐚𝐫𝐭𝐡𝐚, 𝐌𝐚𝐫𝐭𝐡𝐚, 𝐲𝐨𝐮 𝐚𝐫𝐞 𝐚𝐧𝐱𝐢𝐨𝐮𝐬 𝐚𝐧𝐝 𝐭𝐫𝐨𝐮𝐛𝐥𝐞 𝐝 𝐚𝐛𝐨𝐮𝐭 𝐦𝐚𝐧𝐲 𝐭𝐡𝐢𝐧𝐠𝐬, 𝐛𝐮𝐭 𝐨𝐧𝐞 𝐭𝐡𝐢𝐧𝐠 𝐢𝐬 𝐧𝐞𝐜𝐞𝐬𝐚𝐫𝐲.” (Lukas 10,41–42)
Die Wiederholung ihres Namens zeigt, wie sehr er sie mag. Er verurteilt nicht ihre Arbeit – er schaut auf ihr Herz.
Das Problem war nicht die Arbeit an sich, sondern die inneren Konflikte, die keinen Platz für das Wesentliche ließen: 𝐚𝐭𝐭𝐞𝐧𝐭𝐢𝐯𝐞 𝐟𝐞𝐥𝐥𝐨𝐰𝐬𝐡𝐢𝐩 𝐰𝐢𝐭𝐡 𝐇𝐢𝐦. Maria hatte sich für das „Bessere“ entschieden.
Das heißt nicht, dass Dienen unwichtig ist. Die Bibel fordert Gottes Volk immer wieder zu treuem Handeln auf. Später zeigt Martha ihren tiefen Glauben, als sie sagt:
„𝐘𝐞𝐬, 𝐋𝐨𝐫𝐝; 𝐈 𝐛𝐞𝐥𝐢𝐞𝐯𝐞 𝐭𝐡𝐚𝐭 𝐘𝐨𝐮 𝐚𝐫𝐞 𝐭𝐡𝐞 𝐂𝐡 𝐫𝐢𝐬𝐭, 𝐭𝐡𝐞 𝐒𝐨𝐧 𝐨𝐟 𝐆𝐨𝐝, 𝐰𝐡𝐨 𝐢𝐬 𝐭𝐨 𝐜𝐨𝐦𝐞 𝐢𝐧𝐭𝐨 𝐭𝐡𝐞 𝐰𝐨𝐫𝐥𝐝. ” (Johannes 11,27)
Und in Johannes 12, nach der Auferweckung von Lazarus, hilft Martha wieder mit – diesmal ohne Stress oder Beschwerden. Ihr Dienst kommt jetzt ganz natürlich aus Vertrauen und Verständnis.
Die Lektion ist klar: Das Problem war nie Marthas Temperament, sondern ihr 𝐦𝐢𝐬𝐚𝐥𝐢𝐠𝐧𝐞𝐝 𝐩𝐫𝐢𝐨𝐫𝐢𝐭𝐢𝐞𝐬.
Kirchen brauchen Marthas.
Familien sind auf Marthas angewiesen.
Ohne Marthas könnten Dienste nicht funktionieren.
Aber wenn der Dienst zu einem Ort wird, an dem wir Bestätigung, Kontrolle oder Identität suchen, entfernt er uns von der Ruhe und führt zu Stress und Groll.
Martha wurde nicht durch Sünde abgelenkt, sondern durch Verantwortung – eine subtile, aber tiefgreifende Warnung für alle Gläubigen.
Jesus verlangt nicht, dass sie aufhört zu dienen; er lädt sie ein, ihr Herz neu zu ordnen. Christus selbst hat dieses Gleichgewicht vorgelebt. In den Evangelien zog er sich immer wieder zum Gebet zurück, selbst wenn die Menschenmengen ihn bedrängten.
Dringende Aufgaben haben niemals die Vertrautheit mit dem Vater ersetzt. In ihm sehen wir, dass Aktivität aus der Beziehung hervorgehen muss und sie nicht ersetzen darf.
Die Frage ist nicht, ob wir dienen. Die Frage ist:
Die Einladung gilt auch heute noch. Das „𝐨𝐧𝐞 𝐭𝐡𝐢𝐧𝐠 𝐧𝐞𝐜𝐞𝐬𝐬𝐚𝐫𝐲” bleibt bestehen:
𝐒𝐢𝐭 𝐚𝐭 𝐇𝐢𝐬 𝐟𝐞𝐞𝐭 𝐛𝐞𝐟𝐨𝐫𝐞 𝐰𝐞 𝐫𝐢𝐬 𝐞 𝐭𝐨 𝐬𝐞𝐫𝐯𝐞.
Nur dort – nicht in der Erfüllung, nicht in der Anerkennung, sondern in Seiner Gegenwart – können unsere Herzen wahre Ruhe finden.
#fblifestyle
This entry was posted in Fundstücke, Gemeinsam die Bibel in einem Jahr lesen, Lukas and tagged Lukas 10 by Jule with no comments yet
Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.