
Das fünfte Wort Jesu am Kreuz
bestand aus nur zwei Wörtern.
„Ich habe Durst.“
Nur zwei Wörter auf Englisch,
aber Johannes hat sie nicht
als nebensächliches Detail behandelt.
Er schrieb:
„Danach, als Jesus wusste, dass alles
jetzt vollbracht war, sagte er
(um die Schrift zu erfüllen):
‚Ich habe Durst‘“ (Johannes 19,28).
Diese Zeile verdient es, genauer betrachtet zu werden.
Johannes hat das nicht als
einen Schrei aus Verwirrung
oder als eine letzte Aussage
ohne Bedeutung dargestellt.
Er hat es sorgfältig formuliert.
Jesus wusste, dass jetzt alles
vollbracht war.
Dann sprach er.
Selbst hier,
kurz vor dem Ende seines Leidens,
verlor Jesus nicht das Bewusstsein
für das, was geschah.
Er handelte immer noch
mit vollem Verständnis.
Er bewegte sich immer noch
im Willen des Vaters.
Und Johannes sagt uns,
dass auch dieser kleine Satz
zur Erfüllung
der Schrift gehörte.
Das ist wichtig, weil es uns davon abhält,
„Ich habe Durst“
als bloße körperliche Beschwerde zu lesen.
Es war sicherlich körperlich.
Es kam von einem echten Körper,
der an einem echten Kreuz hing.
Johannes hatte schon in seinem ganzen Evangelium
betont,
dass das Wort Fleisch geworden ist
und unter uns gewohnt hat (Johannes 1,14).
Am Kreuz ist diese Wahrheit
nicht mehr abstrakt.
Jesus schien nicht zu leiden.
Er litt wirklich.
Die römische Kreuzigung brachte
massiven Blutverlust,
Kälte, Schock und starke Dehydrierung mit sich.
Ein gekreuzigter Mensch hatte Mühe zu atmen,
wurde schnell schwächer
und spürte, wie sein Körper
unter der Last der Schmerzen zusammenbrach.
Als Jesus also sagte:
„Ich habe Durst“,
zeigte uns die Heilige Schrift
etwas Notwendiges.
Der Sohn Gottes hat uns nicht
aus der Ferne erlöst.
Er hat sich voll und ganz
auf die Schwäche des menschlichen Fleisches eingelassen.
Er nahm einen Körper an,
der hungern,
müde werden,
bluten
und Durst haben konnte.
Johannes sagt uns auch,
dass diese Aussage die Heilige Schrift erfüllte.
Höchstwahrscheinlich verweist er damit
auf Psalm 69,21:
„Als ich Durst hatte, gaben sie mir
sauren Wein zu trinken.“
Dieser Zusammenhang ist wichtig.
Jesus starb nicht einfach nur.
Er starb als der gerechte Leidende,
von dem in den Psalmen die Rede ist.
Sein Leiden war kein Zufall.
Es entfaltete sich innerhalb des Musters,
das Gott bereits offenbart hatte.
Selbst der Durst Christi
lag nicht außerhalb
der geschriebenen Absichten Gottes.
Das macht diesen Moment noch schwerwiegender.
Derjenige, durch den
alle Dinge geschaffen wurden,
hing nun in Schwäche.
Derjenige, der einst sagte:
„Wenn jemand Durst hat,
der komme zu mir und trinke“
(Johannes 7,37),
sagt jetzt:
„Ich habe Durst.“
Das Johannesevangelium will, dass wir
diese Spannung spüren.
Der Geber des lebendigen Wassers
trat in die Trockenheit des Todes ein.
Derjenige, der andere sättigte,
unterwarf sich selbst
der völligen menschlichen Not.
Und er tat dies nicht,
weil ihm die Kraft fehlte.
Weiter oben im Evangelium
verwandelte Jesus Wasser in Wein.
Er sprach von Wasser,
das zum ewigen Leben sprudelt.
Er sagte der samaritanischen Frau,
dass jeder, der von dem Wasser trinkt,
das er gibt,
nie wieder Durst haben wird.
Wenn Johannes also schreibt:
„Ich habe Durst“,
zeigt er uns nicht
einen besiegten Christus.
Er zeigt uns
den Preis der Erlösung.
Jesus blieb nicht dabei,
nur Hilfe anzubieten.
Er stieg hinab in die
vollständige Lage
derer, die er retten wollte.
Er sah nicht nur
das menschliche Leiden.
Er trat in es ein.
Er sprach nicht nur
vom Fluch.
Er trug ihn
in seinem eigenen Körper.
Und in diesem Körper
war der Durst echt.
Auffällig ist auch
die Reihenfolge bei Johannes.
Jesus sagt dies, nachdem er weiß,
dass nun alles vollbracht ist.
Das heißt nicht,
dass das Leiden leichter geworden war.
Es bedeutet, dass er sprach,
weil er wusste,
dass das Werk, das ihm gegeben worden war,
sein bestimmtes Ende erreicht hatte.
Selbst dieses letzte körperliche Detail
war nicht unbedeutend.
Die Schrift musste vollständig erfüllt werden,
nicht nur in den großen Ereignissen
des Verrats, des Prozesses und des Todes,
sondern auch hier,
in einem ausgetrockneten Mund
und einem durstigen Körper.
So sorgfältig
erzählt Johannes die Geschichte.
Nichts am Kreuz
ist bedeutungslos.
„Ich habe Durst“ offenbart daher
mindestens zwei Wahrheiten,
die zusammenbleiben müssen.
Erstens:
Jesus ist wahrhaft menschlich.
Er litt nicht symbolisch,
sondern körperlich.
Zweitens:
Jesus ist der gehorsame Messias,
dessen Leiden
die Heilige Schrift erfüllt.
Sein Schmerz war echt,
und sein Tod war zielgerichtet.
Das Kreuz war keine
tragische Unterbrechung.
Es war der Ort, an dem
der Sohn bereitwillig
die ganze Realität des Leidens ertrug,
um den Willen des Vaters zu erfüllen.
Und vielleicht ist das der Grund, warum
dieser kurze Satz
eine solche Bedeutung hat.
Er erinnert uns daran, dass
unsere Erlösung nicht
durch einen fernen Erlöser gesichert wurde,
sondern durch einen, der uns so nahe kam,
dass er Durst verspürte.
Nah genug, um zu leiden.
Nah genug, um zu bluten.
Nah genug, um selbst in den Tod zu gehen.
Derjenige, der
Sündern lebendiges Wasser gibt,
ertrug zuerst Durst
um ihretwillen.
Und Johannes lässt mit seiner üblichen Zurückhaltung
dieses kleine Detail
lange genug vor uns stehen,
damit wir verstehen, was für ein Retter
dort hing.

In der Antike waren Brunnen Orte, an denen Menschen hingingen, weil sie durstig waren. Es waren ganz normale Orte, an denen Reisende Halt machten, an denen Frauen Wasser für ihre Haushalte holten und an denen sich das tägliche Leben still abspielte. Wenn man die Heilige Schrift jedoch aufmerksam liest, fällt auf, dass Brunnen oft Schauplatz von Ereignissen sind, die das Leben eines Menschen für immer verändern. Immer wieder begegnet Gott Menschen an Brunnen, und was als ganz normale Begegnung beginnt, wird zum Beginn von etwas völlig Neuem.
Eines der frühesten Beispiele dafür findet sich in der Geschichte von Rebekka. Abraham hatte seinen Diener auf eine lange Reise geschickt, um eine Frau für Isaak zu finden. Als der Diener in der Region Nahor ankam, hielt er an einem Brunnen außerhalb der Stadt an und betete, dass Gott ihn leiten möge. Dort kam Rebekka, um Wasser zu schöpfen. Was wie ein ganz normaler Moment in ihrem Alltag aussah, war in Wirklichkeit eine göttliche Fügung. Durch diese Begegnung am Brunnen wurde Rebekka auserwählt, Isaaks Braut zu werden und Teil der Bundesfamilie, durch die Gottes Verheißungen weiterleben würden (Genesis 24). Der Brunnen wurde zu dem Ort, an dem Gott eine neue Beziehung und eine neue Zukunft ins Leben rief.
Generationen später wurde ein anderer Brunnen zum Schauplatz eines weiteren Wendepunkts. Jakob hatte seine Heimat verlassen und war in einem fernen Land angekommen, wo er Hirten sah, die sich um einen Brunnen versammelt hatten. Als er mit ihnen redete, kam Rahel mit den Schafen ihres Vaters. Die Bibel sagt, dass Jakob, als er Rahel sah, den Stein vom Brunnen wegrollte und die Herde tränkte (Genesis 29,10). Diese Begegnung führte schließlich zur Heirat und zur Gründung einer Familie, aus der die Stämme Israels hervorgingen. Wieder einmal wurde ein Brunnen zu dem Ort, an dem Gott still und leise ein neues Kapitel in der Geschichte seines Volkes begann.
Jahrhunderte später taucht ein weiterer Brunnen im Johannesevangelium auf. Jesus war auf der Durchreise durch Samaria und hielt an einem Brunnen in der Nähe der Stadt Sychar. Eine samaritanische Frau kam, um Wasser zu schöpfen, und erwartete einen weiteren gewöhnlichen Moment an einem gewöhnlichen Tag. Stattdessen begegnete sie dem Messias. Während sie redeten, zeigte Jesus ihr etwas, das viel wichtiger war als das Wasser, das sie holen wollte. Er sagte: „Jeder, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen, aber wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird nie wieder Durst haben. Das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm zu einer Quelle werden, die bis ins ewige Leben sprudelt“ (Johannes 4,13–14).
Seit Generationen waren die Menschen zu Brunnen gegangen, um ihren physischen Durst zu stillen, aber in diesem Moment offenbarte Jesus, dass er selbst die wahre Quelle des Lebens war. Das Wasser, das er anbot, war keine vorübergehende Erfrischung, sondern ewiges Leben, das von Gott floss. Was als Gespräch an einem Brunnen begann, wurde zu dem Moment, in dem eine Frau entdeckte, dass der Messias gekommen war, um Leben zu schenken, das niemals versiegt.
Dieser Moment weist direkt auf das vollendete Werk Jesu Christi hin. Vor dem Kreuz lebte die Menschheit in geistiger Durst, getrennt vom Leben Gottes wegen der Sünde. Aber durch seinen Tod und seine Auferstehung öffnete Jesus den Weg, damit dieses Leben denen, die glauben, frei gegeben wird. Das lebendige Wasser, von dem Jesus sprach, ist der Geist Gottes, der den Gläubigen aufgrund dessen gegeben wird, was Christus vollbracht hat. Die Schrift sagt, dass jeder, der an ihn glaubt, Ströme lebendigen Wassers aus seinem Inneren fließen lassen wird (Johannes 7,38–39).
Das heißt, dass der Gläubige durch das vollendete Werk von Jesus Christus nicht mehr nach dem Brunnen suchen muss. Das Leben Gottes ist nicht mehr etwas, das wir irgendwo suchen müssen. Durch das Kreuz lebt der Geist Gottes jetzt in denen, die zu Christus gehören. Der Brunnen, den man früher immer wieder aufsuchen musste, ist zu einer lebendigen Quelle im Herzen jedes Gläubigen geworden.
Wenn wir auf die Brunnen in der gesamten Heiligen Schrift zurückblicken, erkennen wir ein schönes Muster. Brunnen wurden zu Orten, an denen Gott neue Beziehungen, neue Anfänge und neues Leben schuf. Aber in Jesus findet die Geschichte ihre Erfüllung. Durch das vollendete Werk Christi ist das lebendige Wasser Gottes nicht mehr an einem bestimmten Ort zu finden. Es fließt jetzt in seinem Volk. Und das Leben, das er schenkt, wird niemals versiegen.
by Jule with no comments yet