
„Iss die Schriftrolle: Wenn das Wort in dir Fleisch wird“
Der Himmel über Babylon war schwer, voller Exil und Stille. Am Fluss Chebar fiel ein junger Priester, der zum Propheten geworden war, mit dem Gesicht nach unten in den Staub, als die Herrlichkeit Gottes vor ihm erstrahlte.
Sein Name war Hesekiel.
Er hatte schon Visionen gesehen, die einen normalen Menschen umwerfen würden: Räder in Rädern, Feuer, das aus Lebewesen blitzte, die überwältigende Strahlkraft göttlicher Heiligkeit. Aber was dann kam, war noch seltsamer.
Eine Stimme sprach:
„Menschensohn, iss, was du findest; iss diese Schriftrolle und geh, sprich zum Haus Israel.“
— Buch Hesekiel 3:1
Nicht studiere sie.
Nicht analysiere sie.
Nicht zitiere sie.
Iss sie.
Vor ihm lag eine Schriftrolle, die von Gottes Hand entrollt worden war. Ihre Oberfläche war auf beiden Seiten mit Worten bedeckt: Klage, Trauer und Weh. Das Urteil war in Pergament geschrieben. Jede Zeile war von Trauer geprägt.
Dann kam erneut der Befehl:
„Da öffnete ich meinen Mund, und er gab mir diese Schriftrolle zu essen … Und ich aß sie, und sie war in meinem Mund süß wie Honig.“
– Hesekiel 3,2–3
Die Botschaft war schwer.
Der Geschmack war süß.
Das war das Geheimnis: Die Worte, die er überbringen sollte, waren streng, doch Gehorsam war befriedigend. Die Wahrheit schneidet, aber sie nährt denjenigen, der sie von Gott empfängt.
Die Schriftrolle blieb nicht in seinen Händen. Sie ging durch seinen Mund. Sie legte sich in seinen Magen. Sie wurde Teil von ihm.
Erst dann wurde ihm gesagt, er solle sprechen.
Gott war nicht an einem Boten interessiert, der göttliche Sätze aus der Ferne wiederholen konnte. Er wollte ein Gefäß, das sich nicht von der Botschaft trennen konnte. Das Wort musste im Propheten leben, bevor es durch ihn leben konnte.
Und so wurde Ezechiels Leben untrennbar mit seiner Berufung verbunden. Er lag tagelang auf der Seite, rasierte sich den Kopf, ertrug Ablehnung und sprach zu hartnäckigen Herzen. Er wurde einer der einsamsten Propheten in der Heiligen Schrift. Es gab keinen Applaus, nur Gehorsam.
Jahrhunderte später, in einer Wildnis, die derjenigen Hesekiels nicht unähnlich war, wiederholte Jesus Christus dieselbe Wahrheit, als er von Hunger versucht wurde:
„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt.“
— Matthäusevangelium 4:4
Nicht bewundert.
Nicht diskutiert.
Gelebt.
Gott wollte nie Zuschauer, die in sicherer Entfernung zu seinem Wort stehen.
Er wollte Gefäße, Männer und Frauen, die es ganz schlucken würden, sogar die Teile, die mit Warnung und Gericht geschrieben sind, bis es ihre Gedanken, ihre Sprache, ihr ganzes Leben formte.
Denn solange das Wort nicht gegessen wird,
ist es noch nicht Fleisch in uns geworden.
Und solange es nicht in uns lebt,
können wir es nicht wirklich zu anderen tragen.
✨ Reflexion
Wir können niemals gute Prediger sein, wenn wir uns nicht dafür entscheiden, das zu leben, was wir lehren.
Viele sagen heute: „Folgt meinen Worten, aber folgt nicht meinen Taten.“
Aber Gott ruft uns zu etwas Höherem auf:
Folgt meinen Worten und tut sie.
Heiligkeit zeigt sich nicht nur in Worten.
Sie muss von innen und außen kommen.
Die Leute mögen eine kraftvolle Predigt beklatschen. Sie mögen einen begabten Redner loben. Aber Gott sieht über die Kanzel hinaus. Er sieht, ob wir den Worten, die wir verkünden, auch selbst folgen.
Wenn wir Gehorsam predigen, aber Kompromisse eingehen, täuschen wir nicht nur andere, sondern auch uns selbst. Und während wir vielleicht Menschen täuschen können, können wir Gott niemals täuschen.
Jesus ruft uns dazu auf, nach seinem Willen zu leben und nicht nur darüber zu reden.
Die Schriftrolle muss zuerst gegessen werden.
Das Wort muss uns zuerst verwandeln.
Erst dann können wir es wirklich mit Autorität und Integrität verkünden.
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