
Apostelgeschichte 6 endet mit einem Detail, das man leicht übersehen kann, wenn man nicht genau hinschaut. Kein Wunder. Keine dramatische Rede. Keine Engel, die Gefängnistüren öffnen. Nur ein Satz über das Gesicht eines Mannes.
Aber für die Leute in diesem Raum war das sicher keine Kleinigkeit.
Stephanus wurde gerade vor den Rat gezerrt. Keine freundliche Gruppendiskussion. Keine Kirchenvorstandssitzung mit Kaffee und Donuts. Dies ist der Sanhedrin, die religiöse und rechtliche Autorität jener Zeit. Derselbe Rat, der bereits die Apostel bedroht hatte. Ein Ort, an dem eine falsche Antwort das Leben kosten konnte. Niemand betrat diesen Raum entspannt. Man schlenderte nicht hinein und dachte: „Nun, das wird wahrscheinlich ein angenehmes Gespräch.“
Es gibt falsche Zeugen. Vorwürfe der Gotteslästerung. Wütende Gesichter. Angespannte Stimmen. Das ist die Art von Situation, in der die meisten Menschen verängstigt und defensiv wirken würden oder zumindest so, als hätten sie gerade eine Handvoll Sand geschluckt.
Und dann heißt es in Apostelgeschichte 6,15 (ESV): „Und als sie ihn ansahen, erkannten alle, die im Rat saßen, dass sein Gesicht wie das Gesicht eines Engels war.“
Halt jetzt mal kurz inne und stell dir vor, du wärst in diesem Raum.
Du bist Teil des Rates. Du erwartest Angst. Vielleicht Wut. Vielleicht eine verzweifelte Rede. Du bist es gewohnt, dass Menschen unter Druck zusammenbrechen. Die meisten Menschen, die vor den Sanhedrin gezerrt wurden, strahlten nicht gerade Frieden und Zuversicht aus.
Stattdessen siehst du diesen Mann an … und sein Gesicht sieht aus wie das eines Engels.
In ihrer Welt hatte dieser Ausdruck Gewicht. Engel waren keine niedlichen Dekorationen für Weihnachtsbäume oder pummelige Babys auf Grußkarten. Engel waren furchterregende Boten Gottes. Im Alten Testament fielen die Menschen oft zu Boden, wenn Engel erschienen, weil sie überzeugt waren, dass sie sterben würden. Engel repräsentierten die Gegenwart, Autorität und Herrlichkeit Gottes.
Als der Rat Stephanus ansah und sein Gesicht sah, war das nicht nur eine Bemerkung über gutes Licht oder einen angenehmen Ausdruck. Es war ein zutiefst beunruhigendes Detail. Es bedeutete, dass dieser Mann, der vor ihnen stand, den sie anklagten, eher zu Gott zu gehören schien als zu diesem Gerichtssaal.
Und denk daran, wer Stephanus war. Er war keiner der zwölf Apostel. Er war nicht derjenige, der zu Pfingsten gepredigt hatte. Er war nicht derjenige, der die großen öffentlichen Wunder vollbrachte, von denen alle sprachen. Er war einer der sieben Männer, die ausgewählt worden waren, um bei der Verteilung von Lebensmitteln zu helfen. Seine Aufgabe war im Grunde genommen die frühchristliche Version der Organisation des Essensprogramms für Witwen.
Er war derjenige, der dafür sorgen musste, dass alle ihr Brot bekamen, nicht derjenige, der vor dem höchsten religiösen Gericht des Landes stand und dessen Gesicht wie der Himmel strahlte.
Es ist fast so, als würde der stille ehrenamtliche Mitarbeiter der Kirche, der immer die Kaffeekannen auffüllt, plötzlich in einem Gerichtssaal in den Nachrichten landen und statt verängstigt auszusehen, würde er aussehen, als käme er gerade aus der Gegenwart Gottes.
Und das sagt etwas Wichtiges aus. Der Frieden in Stephens Gesicht kam nicht von seiner Position. Er kam nicht von seiner Sicherheit. Er kam nicht von freundlichen Umständen. Er stand vor mächtigen Männern, die über ihn logen und ihn hätten töten können. An diesem Moment war nichts Angenehmes.
Aber sein Herz war irgendwo tiefer verankert als die Situation um ihn herum. Der Raum war voller Spannung, Wut und falschen Anschuldigungen, aber sein Gesicht spiegelte den Himmel wider, nicht den Gerichtssaal.
Und das macht diese Situation unangenehm nachvollziehbar.
Denn die meisten von uns müssen nicht vor einem Rat stehen, der uns steinigen könnte, aber wir haben Momente, in denen wir unter Druck stehen. Stress bei der Arbeit. Konflikte mit Menschen. Situationen, in denen wir uns missverstanden oder beschuldigt fühlen. Tage, an denen schon vor 8 Uhr morgens alles schief läuft und wir ziemlich sicher sind, dass sogar der Kaffee uns verurteilt.
Und in diesen Momenten zeigt sich irgendwann auf unseren Gesichtern, was in unseren Herzen vorgeht. Wenn wir voller Angst sind, sieht man es uns an. Wenn wir voller Bitterkeit sind, sieht man es uns an. Wenn wir am Ende unserer Kräfte sind und sarkastisch reagieren, sieht man das normalerweise auch.
Aber Stephanus, der sich im schlimmsten Moment seines Lebens befand, hatte ein Gesicht, das wie das eines Engels aussah. Nicht weil die Situation gut war, sondern weil sein Herz ruhig war. Er wusste, wer Gott war. Er wusste, zu wem er gehörte. Und dieser Frieden konnte selbst in einem feindseligen Gerichtssaal nicht erschüttert werden.
Für die Menschen in diesem Raum muss das zutiefst beunruhigend gewesen sein. Der Mann, den sie anklagten, sah eher so aus, als wäre er in der Gegenwart Gottes als sie selbst. Der Angeklagte schien dem Himmel näher zu sein als diejenigen, die die Macht hatten.
Und dieser kleine, ruhige Satz am Ende von Apostelgeschichte 6 wird zu einer eindringlichen Erinnerung. Manchmal ist das stärkste Zeugnis keine Rede, kein Wunder, kein dramatischer Moment. Manchmal ist es einfach der Ausdruck auf dem Gesicht eines Menschen, wenn alles um ihn herum zusammenbricht und er dennoch den Frieden Gottes in sich trägt.
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