
Paulus‘ Dorn war keine Strafe, sondern Kraft
Nur wenige Passagen in der Heiligen Schrift haben mehr theologische Überlegungen angeregt als Paulus‘ Worte über den „Dorn im Fleisch“ in 2 Korinther 12. Mit Ehrlichkeit und spiritueller Reife schreibt der Apostel Paulus über eine anhaltende Bedrängnis, die ihn zutiefst demütigte, obwohl Gott ihn mächtig gebrauchte. Dies war keine vorübergehende Unannehmlichkeit. Es war etwas Dauerhaftes, etwas so Schmerzhaftes, dass Paulus den Herrn dreimal bat, es zu entfernen.
Paulus beschreibt diesen Dorn als „einen Boten Satans, der mich schlagen soll“. Das ursprüngliche griechische Wort für Dorn, skolops, bezieht sich auf einen scharfen Pfahl oder Splitter, der ständige Reizungen verursacht. Das sagt uns, dass der Dorn nicht symbolisch für Stolz an sich stand, sondern etwas Greifbares war, das Schwäche, Einschränkung und Abhängigkeit von Gott hervorrief.
Die meisten Theologen glauben aufgrund des biblischen Kontexts, der Schriften der frühen Kirche und linguistischer Studien, dass der Dorn des Paulus wahrscheinlich physischer Natur war. Viele vermuten eine chronische Augenkrankheit oder eine schwere Sehbehinderung. In Galater spricht Paulus davon, dass die Gläubigen bereit sind, sich für ihn die Augen auszureißen. An anderen Stellen bezieht er sich auf seine körperliche Schwäche und seine unscheinbare physische Präsenz. Alte medizinische Konkordanzen beschreiben Erkrankungen, die in der Region, durch die Paulus reiste, häufig vorkamen und extreme Augenschmerzen, verschwommenes Sehen und wiederkehrende Entzündungen verursachen konnten. Andere vermuten wiederkehrende Krankheiten, neurologische Schmerzen oder die körperlichen Folgen wiederholter Schläge und Steinigungen. Klar ist, dass dieser Dorn Paulus nicht moralisch, sondern körperlich und emotional einschränkte.
Ebenso wichtig ist, was der Dorn nicht war. Es war keine Sünde, für die Paulus keine Buße tun wollte. Es war nicht Gottes Billigung des Leidens um des Leidens willen. Es war auch kein Beweis für einen Mangel an Glauben. Paulus lebte in Gehorsam, Offenbarung und apostolischer Autorität. Dennoch ließ Gott eine Schwäche bestehen, damit Paulus niemals die Kraft, die durch ihn floss, für seine eigene halten würde.
Gottes Antwort auf das Gebet des Paulus ist eine der tiefgründigsten Offenbarungen in der Heiligen Schrift. „Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft wird in der Schwachheit vollkommen.“ Mit anderen Worten: Gott lehnte das Gebet des Paulus nicht aus Grausamkeit ab, sondern aus einem bestimmten Grund. Der Dorn wurde zu einem Ort, an dem die göttliche Kraft ständig wirken konnte. Paulus lernte, dass Schwäche, die sich Gott hingibt, zu einer Plattform für übernatürliche Kraft wird.
Diese Wahrheit spricht die Gläubigen von heute direkt an. Viele der treuesten Diener Gottes tragen einen Dorn. Das kann eine körperliche Einschränkung sein, emotionaler Schmerz, unbeantwortete Fragen oder eine Last, die sich nicht so schnell aufheben lässt. Wir gehen oft davon aus, dass der Dorn verschwinden sollte, wenn Gott mit uns zufrieden ist. Paulus lehrt uns das Gegenteil. Manchmal bleibt der Dorn nicht deshalb bestehen, weil Gott fern ist, sondern weil er nah ist. Er hält uns abhängig. Er hält uns demütig. Er hält uns in der Gnade verankert.
Paulus‘ Schlussfolgerung ist erstaunlich. Er sagt, er habe gelernt, sich in Schwachheit zu freuen, nicht weil Schwachheit sich gut anfühlt, sondern weil sie ihn in die Lage versetzt, die Kraft Christi tiefer zu erfahren. Das ist keine Resignation. Es ist reifer Glaube. Es ist das Vertrauen darauf, dass Gottes Kraft durch unsere Grenzen nicht geschmälert wird, sondern durch sie offenbart wird.
Für Gläubige heute ist diese Botschaft hoffnungsvoll und erdend. Du bist nicht disqualifiziert, weil du zu kämpfen hast. Du bist nicht vergessen, weil ein Gebet noch nicht so erhört wurde, wie du es dir erhofft hast. Gott tut vielleicht etwas Tieferes als nur etwas zu beseitigen. Er formt vielleicht Christus in dir durch Abhängigkeit, Demut und Ausdauer.
Der Dorn hinderte Paulus nicht daran, seine Berufung zu erfüllen. Er prägte die Art und Weise, wie er sie erfüllte. Und auf die gleiche Weise kann Gott unsere Schwächen nicht als Hindernisse, sondern als Kanäle für seine Herrlichkeit nutzen. Wenn wir aufhören, uns anzustrengen, stark zu erscheinen, und uns stattdessen an seine Gnade klammern, entdecken wir, was Paulus entdeckt hat. Seine Kraft ruht auf einem hingegebenen Leben.
Das ist keine Niederlage. Das ist ein durch Gnade geläuterter Sieg.
by Jule with 1 commentHeute lesen wir 2. Korinther 10 bis 13. Wir wünschen euch einen schönen und gesegneten Tag 😘
by Jule with no comments yetHeute lesen wir 2. Korinther 5 bis 9. Wir wünschen euch einen schönen und gesegneten Tag 😘
by Jule with no comments yetHeute lesen wir 2. Korinther 1 bis 4. Wir wünschen euch einen schönen und gesegneten Tag 😘
by Jule with no comments yet2. Korinther 1:8
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