
Als in Numeri die Geschichte von der ehernen Schlange erzählt wird, gibt’s da ’ne Kleinigkeit, die beim ersten Lesen vielleicht komisch rüberkommt.
Der Herr sagte zu Mose:
„Mach ’ne feurige Schlange und häng sie an ’ne Stange,
und jeder, der gebissen wurde,
wird leben, wenn er sie sieht.“
(Numeri 21,8)
Warum wurde die Schlange auf eine Stange gehoben?
Zu diesem Zeitpunkt hatte Israel in der Wüste gegen Gott
und gegen Mose gesprochen.
Als Reaktion darauf kamen feurige Schlangen
unter das Volk, und viele
wurden gebissen und starben.
Das Urteil war hart,
aber es hing auch damit zusammen,
wie sie sich gerade verhielten:
rebellisch, misstrauisch und
widerständig gegenüber dem Gott,
der sie unterstützt hatte.
Als die Leute ihre Sünde eingestanden
und Mose baten, für sie zu beten,
hat Gott die Schlangen nicht einfach
so schnell weggemacht.
Stattdessen gab er eine ungewöhnliche Anweisung.
Es sollte eine eherne Schlange gemacht und aufgestellt werden.
Auf den ersten Blick scheint das überraschend.
Das Bild des Todesbringers
wurde nun vor das Volk gestellt
als Mittel, durch das Heilung kommen sollte.
Hier beginnt sich die Bedeutung zu vertiefen.
Die Schlange auf der Stange
war kein magischer Gegenstand.
Sie hatte an sich keine Heilkraft.
Das bronzerne Bild rettete nicht,
weil Bronze Gift heilen konnte.
Die Leute lebten, weil Gott
seine Verheißung an dieses bestimmte Zeichen knüpfte.
Sie mussten schauen.
Die Handlung selbst war wichtig.
Diejenigen, die gebissen worden waren, mussten ihre Augen
auf genau das Zeichen richten, das Gott gegeben hatte.
Das Leben kam nicht durch menschliche Heilmittel,
menschliche Kraft oder menschliche Erfindungen.
Es kam durch das Vertrauen auf Gottes Versorgung,
auch wenn diese Versorgung ungewöhnlich erschien.
Die Schlange wurde auch emporgehoben,
damit sie gesehen werden konnte.
Wäre sie auf dem Boden geblieben,
versteckt oder niedrig, hätte sie
ihren Zweck nicht erfüllt.
Auf einer Stange emporgehoben, wurde sie öffentlich sichtbar.
Die Betroffenen konnten schauen und leben.
Diese Sichtbarkeit war wichtig.
Das rettende Zeichen wurde nicht geheim gehalten.
Es wurde dort angebracht, wo die Sterbenden es sehen konnten.
Auch die Form des Zeichens selbst hat etwas Ernüchterndes.
Das Bild stellte genau das Mittel der Bestrafung dar.
In gewisser Weise wurde das, was die Menschen umbrachte,
jetzt vor ihren Augen gezeigt,
nicht um ihren Tod fortzusetzen,
sondern um zu einer Gelegenheit zu werden,
bei der Gottes Gnade ihren Bedürfnissen begegnete.
Das heißt nicht, dass die Schlange gut war.
Es bedeutet, dass Gott das Bild des
Fluch bringenden Instruments als Teil seiner Heilung nutzte.
Die Passage wird noch klarer,
wenn man sie im Licht späterer Schriftstellen liest.
Jesus selbst bezog sich in Johannes 3 auf dieses Ereignis:
„Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat,
so muss der
Menschensohn erhöht werden,
damit jeder, der an ihn glaubt,
ewiges Leben hat.“
(Johannes 3,14–15)
Dieser Zusammenhang ist entscheidend.
Die eherne Schlange wurde erhöht,
damit die Sterbenden aufblicken und leben konnten.
Christus würde am Kreuz erhöht werden,
damit die Sünder glauben und Leben haben könnten.
Die Ähnlichkeit besteht nicht darin, dass Christus sündig war,
genauso wenig wie die eherne Schlange selbst giftig war.
Vielmehr liegt die Verbindung darin,
dass das Zeichen des Gerichts öffentlich erhoben wurde
und diejenigen, die dem Tod geweiht waren, aufgefordert wurden,
im Glauben auf die Vorsehung Gottes zu schauen.
Was in Numeri geschah,
war vorübergehend und physisch.
Was in Christus passiert,
ist endgültig und tiefer.
Die Generation in der Wüste
wurde vom Gift befreit.
In Christus werden Sünder
von Sünde und Gericht befreit.
Deshalb ist die Stange wichtig.
Die Schlange wurde hochgehoben, weil
das Zeichen der Erlösung gesehen werden musste.
Es musste öffentlich sichtbar sein,
als das festgelegte Mittel, durch das
die Sterbenden Leben von Gott empfangen konnten.
Und in dieser stillen, rauen Wüstenszene
lehrte die Schrift bereits ein Muster,
das sich später noch deutlicher entfalten sollte:
Gott rettet nicht, indem er
die Sterbenden auffordert, sich selbst zu heilen.
Er gibt ihnen das, worauf sie
im Glauben schauen müssen.
Und in Christus hat sich das, was einst in Bronze dargestellt wurde, in demjenigen erfüllt, der für uns erhöht wurde.
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