
Die Geschichte von Josef in Genesis 37–50 ist nicht nur ein altes Familiendrama. Sie ist ein Spiegel für jeden Gläubigen, der sich jemals von den Leuten, die ihn eigentlich lieben sollten, missverstanden, übersehen oder verletzt gefühlt hat. Josef ist der geliebte Sohn. Er hat Gunst. Er hat Verheißung. Doch gerade seine Brüder, die mit ihm blutsverwandt sind, können mit seiner Berufung nicht umgehen. Er wird für Silber verraten, in eine Grube geworfen, seines Gewandes beraubt, in die Sklaverei verkauft, fälschlicherweise beschuldigt und im Gefängnis vergessen. Er leidet, obwohl er unschuldig ist. Und lange Zeit scheint es, als schweige der Himmel.
Vielleicht weißt du, wie sich das anfühlt.
Vielleicht wurdest du von jemandem verraten, dem du vertraut hast. Vielleicht wurdest du falsch dargestellt. Vielleicht wurde dein Charakter in Frage gestellt. Vielleicht wurdest du in einer Zeit zurückgelassen, die sich wie eine Grube anfühlte, während alle anderen voranzukommen schienen. Josephs Geschichte gibt diesem Schmerz eine Stimme. Sie sagt dir, dass die Auserwähltheit durch Gott dich nicht vor Schwierigkeiten bewahrt. Aber sie sagt dir auch, dass Schwierigkeiten nicht aufheben, was Gott gesprochen hat.
Joseph wird für Silber verkauft. Jesus wird für Silber verraten. Joseph wird zu Unrecht beschuldigt, obwohl er gerecht ist. Jesus steht vor falschen Zeugen und verteidigt sich nicht. Joseph wird erniedrigt, bevor er erhöht wird. Jesus steigt in den Tod hinab, bevor er zur Rechten des Vaters erhöht wird. Das Muster ist kein Zufall. Es ist prophetisch. Verrat wird zum Tor zur Erlösung.
Und hier beginnt die Gnade auf eine Weise zu leuchten, die das Herz zum Schmelzen bringt. Als Joseph schließlich in Autorität steht, vernichtet er seine Brüder nicht. Er weint. Er vergibt. Er stellt wieder her. In Genesis 50,20 (ESV) sagt er: „Ihr habt Böses gegen mich im Sinn gehabt, aber Gott hat es zum Guten gewendet, um zu erreichen, dass viele Menschen am Leben bleiben.“ Das ist die Sprache des Kreuzes. Auf Golgatha hatte die Menschheit Böses im Sinn. Gott hatte Erlösung im Sinn. Durch Leiden kam Erlösung.
Gnade bedeutet, dass dein Schmerz nicht sinnlos ist. Gnade bedeutet, dass Verrat nicht deine Identität bestimmt. Gnade bedeutet, dass selbst wenn andere aus Eifersucht, Angst oder Unsicherheit handeln, Gott dennoch etwas Größeres schreibt. Josephs Mantel wurde ihm genommen, aber nicht seine Berufung. Dein Ruf mag in Frage gestellt werden, aber deine Identität in Christus ist sicher.
Einige von euch haben in einem emotionalen Gefängnis gelebt. Ihr spielt Gespräche immer wieder ab. Ihr übt, was ihr sagen würdet, wenn ihr noch eine Chance hättet. Ihr tragt stille Enttäuschung mit euch herum. Und ihr fragt euch, ob die Verzögerung bedeutet, dass ihr etwas verpasst habt. Josephs Leben flüstert euch leise zu: Nein. Die Grube war nicht das Ende. Das Gefängnis war kein Beweis für Verlassenheit. Es war eine Positionierung.
Durch das vollendete Werk Jesu Christi steht ihr auf der anderen Seite der größten Wende in der Geschichte. Das Kreuz sah wie eine Niederlage aus. Es war ein Sieg. Das Grab sah endgültig aus. Es war nur vorübergehend. Was zum Bösen gedacht war, wurde zum Weg zum ewigen Leben.
Wenn du also das Gefühl hast, zwischen Verheißung und Erfüllung zu stehen, atme tief durch. Wenn du das Gefühl hast, dass dein Leiden keine Erklärung hat, ruh dich aus. Der Gott, der eine Grube in einen Palast und ein Kreuz in einen Thron verwandelt hat, ist derselbe Gott, der deine Geschichte in der Hand hält.
Die Gnade sagt dir, dass das, was andere dir antun wollten, nicht die letzte Instanz ist. Die Gnade sagt dir, dass dein tiefster Moment nicht dein entscheidender Moment ist. Die Gnade sagt dir, dass du selbst im Verrat nicht verlassen bist.
Du steckst nicht in der Grube fest. Du bist in den Händen eines Vaters, der weiß, wie man Verrat in Segen und Trauer in Erlösung verwandelt. Und durch Jesus ist das endgültige Ergebnis deiner Geschichte nicht Verlust. Es ist Leben.
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