
Manche Bibelstellen klingen für moderne Leser seltsam, weil wir alte hebräische Ausdrücke durch die Brille unserer heutigen Vorstellungen lesen.
Ein Beispiel dafür ist der Ausdruck „die Füße bedecken“.
An mehreren Stellen im Alten Testament
wurde dies zu einem hebräischen Euphemismus,
der mit körperlicher Intimität,
Ruhehaltung oder dem Hinlegen in Verbindung stand.
In 1. Samuel 24,3 betritt Saul eine Höhle,
„um seine Füße zu bedecken“, was die meisten Gelehrten
als höflichen Ausdruck aus alter Zeit verstehen,
der sich auf das private Verrichten der Notdurft bezieht.
Dieses Verständnis hilft modernen Lesern,
Verwirrung zu vermeiden, wenn sie an anderer Stelle in der Schrift
auf ähnliche Formulierungen stoßen.
Das wird besonders wichtig in Ruth 3.
Nachdem Boas mit dem Essen fertig war und sich
neben den Getreidehaufen legte, näherte sich Ruth leise,
entblößte seine Füße und legte sich dort hin.
Für uns moderne Leser, die mit hebräischen Bräuchen nicht vertraut sind,
kann diese Szene leicht missverstanden oder übermäßig sexualisiert werden.
Aber die Geschichte selbst weist in eine andere Richtung.
Ruths Handlungen waren mutig, demütig
und tief verbunden mit dem Appell des Bundes
und der Erlösung, nicht mit Verführung.
Indem sie Boas’ Füße entblößte und sich dort hinlegte,
näherte sich Ruth ihm respektvoll
als potenzieller Erlöser.
Die Handlung symbolisierte eine Bitte um Schutz,
Beistand und die Verantwortung des Bundes.
Das wird deutlicher, als Ruth später sagt:
„Breite deine Flügel über deine Magd aus,
denn du bist ein Erlöser.“
Das ist die Sprache des Bundes.
Boas selbst reagiert im gesamten Kapitel
ehrbar.
Er schützt Ruths Ruf,
spricht mit Integrität und strebt in Ruth 4
vor den Ältesten von Bethlehem öffentlich
auf die richtige Weise nach Erlösung.
Das Schöne an Ruth 3 ist kein versteckter Skandal.
Es ist die Treue zum Bund.
Und vielleicht erinnert uns das daran, wie wichtig kulturelles Verständnis beim Lesen der Schrift ist.
Ohne Kontext können moderne Leser der Bibel fälschlicherweise
Vorstellungen aufzwingen, die das ursprüngliche
Publikum niemals angenommen hätte.
Doch wenn man sie richtig versteht,
wird die Geschichte zutiefst schön.
Ruth, eine verletzliche Außenseiterin,
kommt in Demut und sucht Erlösung.
Boas reagiert nicht mit Ausbeutung,
sondern mit Ehre, Schutz und
Treue zum Bund.
Und durch diese Geschichte weist die Heilige Schrift
still auf Christus hin.
Denn letztendlich ist Jesus der wahre Erlöser,
der die Bedürftigen mit Gnade bedeckt,
Fremde willkommen heißt und treu
allen, die zu ihm kommen, Zuflucht gewährt.