
Jede Woche sitzen Gläubige in der Kirche, lächeln nach außen hin, während sie insgeheim eine quälende Frage mit sich herumtragen: „Wenn ich wirklich zu Jesus gehöre, warum kämpfe ich dann immer noch mit bestimmten Sünden?“ Und weil vielen Menschen beigebracht wurde, das Christentum nur über das äußere Verhalten zu betrachten, fangen sie an, ihre Beziehung zu Gott daran zu messen, ob sie gerade einen guten oder einen schlechten Tag haben. Doch das Evangelium lädt Gläubige zu etwas ein, das weit tiefer geht als leistungsorientiertes Denken.
Jesus nachzufolgen bedeutet nicht, dass Gläubige plötzlich aufhören, Menschen zu sein. Es bedeutet, dass sie nun mitten in ihrer Menschlichkeit zu Christus gehören. In dem Moment, in dem jemand auf Jesus vertraut, wird sein Geist lebendig gemacht und für immer mit unserem Vater versöhnt. Aber Gläubige wachen immer noch in menschlichen Körpern auf, leben in einer zerbrochenen Welt und tragen Erinnerungen, Denkmuster, emotionale Wunden, Gewohnheiten und Schwächen mit sich, die sich oft über Jahre hinweg entwickelt haben.
Viele Menschen stellen sich die Erlösung so vor, als würde man einen Lichtschalter umlegen, woraufhin jeder Kampf augenblicklich für immer verschwindet. Doch die Schrift zeichnet ein viel beziehungsorientierteres Bild. Das christliche Leben bedeutet nicht, dass Jesus die Menschen im Stich lässt, bis sie perfekt genug sind. Es bedeutet, dass Jesus mit seinem Volk wandelt und es durch Gnade von innen heraus erneuert.
Deshalb müssen Gläubige lernen, Identität von Kampf zu trennen. Ein Kampf ist etwas, das ein Mensch erlebt. Er ist nicht das, was er ist. Der Feind versucht ständig, Identität mit Schwäche zu verbinden. Er flüstert Dinge wie: „Das bist du. Du wirst dich nie ändern.“ Aber Jesus spricht anders. Jesus nennt Gläubige gerecht, geliebt, angenommen, heilig und versöhnt durch sein vollbrachtes Werk.
Eines der größten Missverständnisse im modernen Christentum ist die Vorstellung, dass die Nähe zu Gott jedes Mal verschwindet, wenn jemand strauchelt. Aber nach dem Kreuz bewegen sich Gläubige nicht je nach Leistung in die Sohnschaft hinein und wieder heraus. Jesus hat durch sein Blut bereits den ewigen Frieden mit unserem Vater gesichert. Das bedeutet, dass Gläubige selbst in Momenten der Schwäche immer noch eingeladen sind, auf Gott zu laufen, nicht von ihm weg.
Denk an ein Kind, das laufen lernt. Ein liebender Vater verstößt das Kind nicht jedes Mal, wenn es stolpert. Er hilft ihm wieder auf die Beine. Genauso steht unser Vater nicht über den Gläubigen und wartet auf Perfektion, bevor er Liebe zeigt. Er hat seine Liebe bereits voll und ganz durch Jesus bewiesen, als die Menschheit noch gebrochen war.
Manchmal konzentrieren sich Gläubige so sehr darauf, gegen die Sünde zu kämpfen, dass sie vergessen, sich an Jesus zu erfreuen. Ihr gesamtes geistliches Leben wird zum Kampf gegen die Angst statt zu einer Beziehung. Sie sind besessen von jedem Fehler, jedem Gedanken, jedem Irrtum und jeder Schwäche, bis sie die Güte unseres Vaters völlig aus den Augen verlieren. Aber dauerhafte Veränderung wächst nicht am besten in der Angst. Sie wächst in der Vertrautheit.
Je mehr Gläubige die Gnade verstehen, desto mehr beginnt sich ihr Herz auf natürliche Weise zu verändern. Nicht weil Gnade die Sünde ignoriert, sondern weil Gnade die Wurzel darunter heilt. Viele äußere Kämpfe hängen mit tieferen Wunden, Ängsten, Unsicherheiten, Einsamkeit, Scham oder verzerrtem Denken zusammen. Jesus bekämpft nicht nur die Symptome. Er stellt die Herzen wieder her.
Deshalb ist Verurteilung so zerstörerisch. Verurteilung hält Menschen in Kreisläufen aus Verstecken und Hoffnungslosigkeit gefangen. Aber wenn Gläubige verstehen, dass Jesus am Kreuz bereits vollständig für die Sünde bezahlt hat, hören sie auf, sich Gott wie Verbrecher zu nähern, und beginnen, sich ihm wie Söhne und Töchter zu nähern. Und von diesem Ort der Geborgenheit aus beginnt die Heilung viel tiefer zu fließen.
Manche Gläubige denken, dass Kämpfen bedeutet, sie würden im Christsein versagen. Aber oft offenbart gerade der Kampf selbst, dass der Heilige Geist bereits in ihnen wirkt. Tote Herzen sehnen sich nicht nach Nähe zu Jesus. Tote Herzen trauern nicht über Sünde. Tote Herzen hungern nicht nach Frieden mit Gott. Gerade die Tatsache, dass Gläubige sich nach Freiheit sehnen, offenbart, dass durch Christus bereits Leben in ihnen existiert.
Wenn du also zu Jesus gehörst und manchmal noch mit Schwäche kämpfst, gehe nicht sofort davon aus, dass unser Vater dich verlassen hat. Richte deinen Blick wieder auf Christus. Deine Beziehung zu Gott wurde nie durch deine Fähigkeit, perfekt zu handeln, aufrechterhalten. Sie wurde durch Jesus für alle Ewigkeit gesichert. Und dieselbe Gnade, die dich gerettet hat, ist dieselbe Gnade, die dich weiterhin in tiefere Freiheit, Frieden und Ruhe in Ihm führen wird.
This entry was posted in Ermunterung, Fundstücke, Identität in Christus by Jule with no comments yet
Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.