
Beharrlichkeit bedeutet nicht, Gott zu zermürben, sondern darauf zu vertrauen, wer er ist. Jesus erzählt dieses Gleichnis mit einer klaren Absicht: „Damit sie immer beten und nicht nachlassen“ (Lukas 18,1, ESV). Dies ist keine Lektion über geistige Ausdauer. Es ist ein Heilmittel gegen Entmutigung. Jesus spricht darüber, was passiert, wenn die Zeit vergeht, Antworten auf sich warten lassen und die Hoffnung brüchig erscheint.
Die Geschichte beginnt mit einem ungerechten Richter. Er fürchtet weder Gott noch respektiert er Menschen. Mit anderen Worten, er ist das Gegenteil des Vaters. Jesus wählt diesen Kontrast bewusst. Die Witwe kommt wiederholt mit einer einfachen Bitte zu ihm: „Verschaff mir Recht gegenüber meinem Widersacher“ (Lukas 18,3, ESV). Sie hat keinen Einfluss. Keine Macht. Nur ein Bedürfnis.
Lange Zeit lehnt der Richter ab. Nicht weil die Bitte falsch ist, sondern weil es ihm egal ist. Schließlich gibt er nach, nicht aus Mitgefühl, sondern aus Eigeninteresse. „Weil diese Witwe mich ständig belästigt, werde ich ihr Recht verschaffen“ (Lukas 18,5, ESV). Das ist kein Vorbild für Gott. Es ist ein Kontrast. Jesus sagt nicht, dass Gott wie dieser Richter reagiert. Er sagt, wenn sogar ein ungerechter Richter schließlich reagiert, wie viel mehr wird dann ein gerechter Vater handeln.
Hier liegt die Erkenntnis, die die meisten Menschen übersehen. Die Beharrlichkeit der Witwe wurzelt nicht in der Angst, dass Gerechtigkeit niemals kommen könnte. Sie wurzelt in der Zuversicht, dass Gerechtigkeit ihr zusteht. Sie kommt immer wieder, weil sie glaubt, dass das Ergebnis richtig ist, auch wenn der Prozess langsam voranschreitet. Beharrlichkeit ist hier kein Betteln. Es ist der Glaube, der sich weigert, das loszulassen, was bereits wahr ist.
Jesus macht dies deutlich. „Wird Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm rufen, nicht Gerechtigkeit widerfahren lassen?“ (Lukas 18,7, ESV). Beachten Sie die Wortwahl. Seine Auserwählten. Seine Erwählten. Das ist die Sprache des Bundes. Die Sprache der Familie. Die Witwe ist keine Außenseiterin, die versucht, sich Gunst zu verdienen. Sie ist jemand, der auf rechtmäßigem Boden steht.
Dann sagt Jesus etwas Schockierendes. „Ich sage euch: Er wird ihnen schnell Gerechtigkeit widerfahren lassen“ (Lukas 18,8, ESV). Schnell bedeutet nicht immer sofort. Es bedeutet entschlossen. Wenn Gott handelt, zögert er nicht. Verzögerung ist niemals Gleichgültigkeit. Schweigen ist niemals Abwesenheit. Gerechtigkeit steht nicht in Frage. Der Zeitpunkt schon.
Durch das vollendete Werk Jesu Christi wird diese Parabel noch tröstlicher. Das Kreuz hat bereits die endgültige Gerechtigkeit gesichert. Die Sünde wurde gerichtet. Der Tod wurde besiegt. Der Widersacher wurde entwaffnet. Beten bedeutet nicht, Gott zum Handeln zu überreden. Es bedeutet, dein Herz mit dem in Einklang zu bringen, was Gott bereits versprochen hat.
Die letzte Frage, die Jesus stellt, rückt alles in ein neues Licht. „Wird der Menschensohn, wenn er kommt, Glauben auf der Erde finden?“ (Lukas 18,8, ESV). Er fragt nicht, ob er Bemühungen finden wird. Oder Disziplin. Oder Quantität. Er fragt nach dem Glauben. Glaube ist keine Beharrlichkeit, die von Angst getrieben ist. Glaube ist Beharrlichkeit, die von Vertrauen getrieben ist.
Die Anwendung ist einfach und befreiend. Bete weiter, nicht weil Gott zögert, sondern weil er treu ist. Verliere nicht den Mut, wenn Antworten Zeit brauchen. Deine Beharrlichkeit bewegt nicht Gottes Herz. Sie schützt dein eigenes. Du zermürbst ihn nicht. Du lehnst dich an ihn.
Gerechtigkeit ist nichts, was du dir durch Wiederholung verdienen musst.
Es ist etwas, das dein Vater dir gerne gibt.
by Jule with 1 comment