
Die Geschichte von Mephiboscheth ist eines der deutlichsten Beispiele für Gnade im Alten Testament, die man finden kann. Keine potenzielle Gnade. Keine bedingte Gnade. Unverdiente, initiierte, den Bund einhaltende Gnade.
Mephiboscheth war an beiden Füßen verkrüppelt. Seine Behinderung war nicht das Ergebnis eines persönlichen Versagens, sondern eines Sturzes, der sich ereignete, als er fünf Jahre alt war. Sein Leben änderte sich in einem Augenblick, und von diesem Tag an bestimmte seine Behinderung, wie er sich durch die Welt bewegte. Er war auch der Enkel von Saul, Davids Feind. In der Antike machte ihn das zu einer Belastung. Neue Könige zeigten der vorherigen Dynastie keine Gnade. Sie löschten sie aus. Doch Mephiboscheth überlebte, nicht in Wohlstand, sondern versteckt an einem Ort namens Lo-Debar, was wörtlich „keine Weide” oder „kein Wort” bedeutet. Ein Ort der Unfruchtbarkeit. Ein Ort der Unbekanntheit. Ein Ort, an dem nichts wächst.
Und dann kommt eine der mächtigsten Fragen, die jemals in der Heiligen Schrift gestellt wurden. David sagt: „Gibt es noch jemanden aus dem Hause Sauls, dem ich um Jonathans willen Gnade erweisen kann?“ David fragt nicht, ob es jemanden gibt, der würdig ist. Er fragt nicht, ob es jemanden gibt, der loyal ist. Er fragt nicht, ob es jemanden gibt, der aus eigener Kraft in den Palast gehen kann. Er fragt, ob es noch jemanden gibt. Gnade sucht immer nach dem, was übrig bleibt, nicht nach dem, was qualifiziert ist.
Als Mephiboschet gefunden wird, kommt er nicht selbstbewusst. Er kommt ängstlich. Er verbeugt sich. Er erwartet ein Urteil. Alles in seiner Geschichte sagt ihm, dass dieser Moment schlecht enden wird. Aber David nennt seinen Namen. Nicht seinen Zustand. Nicht seine Abstammung. Seinen Namen. Und David sagt: „Fürchte dich nicht.“ Gnade beginnt immer damit, die Angst zum Schweigen zu bringen.
David gibt Mephiboscheth alles zurück, was er verloren hat. Sauls Land. Sauls Versorgung. Sauls Platz. Aber dann macht David noch was Radikaleres. Er lädt Mephiboscheth ein, immer am Tisch des Königs zu essen. Nicht als Gast. Nicht aus Mitleid. Die Bibel sagt, er aß am Tisch des Königs „wie einer der Söhne des Königs“.
Hier ist die Offenbarung, die alles verändert. Mephiboschets Füße waren unter diesem Tisch immer noch verkrüppelt. Seine Unfähigkeit verschwand nicht. Seine Schwäche verbesserte sich nicht plötzlich. Sein Hinken disqualifizierte ihn nicht. Aber es wurde vollständig vom Tisch des Königs verdeckt. Was die Menschen sehen konnten, war nicht seine Gebrochenheit, sondern seine Stellung.
Das ist das Evangelium.
Jesus hat nicht darauf gewartet, dass wir richtig laufen können, bevor er uns an seinen Tisch gesetzt hat. Er hat nicht darauf gewartet, dass sich unser Verhalten verbessert, bevor er uns Söhne genannt hat. Er hat uns nicht an seinen Tisch eingeladen, weil wir aus eigener Kraft stehen konnten. Er hat uns wegen seines Bundes zu sich geholt. Mephiboscheth wurde um Jonathans willen an den Tisch gesetzt. Wir werden um Jesu willen an den Tisch gesetzt. Wir haben uns unseren Platz nicht verdient. Wir haben ihn geerbt.
Der Epheserbrief sagt uns, dass wir bereits mit Christus in himmlischen Regionen sitzen. Nicht erst nach unserem Wachstum. Nicht erst nach unserer Beständigkeit. Bereits jetzt. Der Tisch ist keine Belohnung für die Geheilten. Er ist der Ort, an dem die Gebrochenen entdecken, zu wem sie gehören.
Viele Gläubige leben wie Mephiboscheth vor seiner Berufung. Sie verstecken sich. Sie erwarten Strafe. Sie gehen davon aus, dass Distanz sicherer ist als Nähe. Aber David hat Mephiboscheth nicht gerufen, um ihn bloßzustellen. Er hat ihn gerufen, um ihn wiederherzustellen. Gott ruft dich nicht näher zu sich, um dich zu beschämen. Er ruft dich näher zu sich, um dich daran zu erinnern, wer du bist.
Und beachte Folgendes: Mephiboscheth hat den Tisch nie verlassen, um zu beweisen, dass er ihn verdient hat. Er blieb. Ununterbrochen. Der König versorgte ihn. Der König beschützte ihn. Der König definierte seine Identität. Unter dem Tisch waren seine Füße immer noch verkrüppelt. Oberhalb des Tisches wurde er wie ein Sohn behandelt.
Das ist es, was das vollendete Werk Jesu heute für uns bedeutet. Deine Schwäche nimmt dir nicht deinen Platz weg. Dein Hinken hebt dein Erbe nicht auf. Deine Vergangenheit hebt den Bund nicht auf. Du sitzt nicht dort, weil du gerade laufen kannst. Du sitzt dort, weil der König dich dort haben wollte.
Gnade leugnet deine Gebrochenheit nicht. Sie bedeckt sie mit Zugehörigkeit. Und am Tisch des Königs hat das, was dich einst definiert hat, nicht mehr das letzte Wort.
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