
In Psalm 100,4 steht: „Tretet ein durch seine Tore mit Dankbarkeit und in seine Vorhöfe mit Lobgesang! Dankt ihm und preist seinen Namen!“
Vor dem Kreuz hatte dieser Vers eine ganz konkrete Bedeutung. Israel ging buchstäblich durch Tore. Sie betraten echte Vorhöfe. Sie näherten sich einem Tempel aus Stein. Der Zugang zu Gott war strukturiert, mehrstufig und wurde durch Priester und Opfer vermittelt. Dank und Lobpreis waren nicht nur Emotionen. Sie waren Teil der Annäherung an einen heiligen Gott, dessen Gegenwart hinter Schleiern verborgen war.
Aber nach dem Kreuz änderte sich alles. Jesus verbesserte nicht nur den Zugang. Er wurde selbst zum Zugang. Durch sein vollbrachtes Werk wurde der Schleier nicht nur symbolisch, sondern auch historisch und spirituell zerrissen. Die Tore sind nicht mehr bronzerne Türen in Jerusalem. Die Vorhöfe sind nicht mehr Außenhöfe, die man vorsichtig betritt. In Christus bist du näher gebracht worden. Du betrittst sie nicht als entfernter Anbeter, der hofft, angenommen zu werden. Du betrittst sie als Kind.
Was bedeutet es nun, „mit Dankbarkeit durch seine Tore zu gehen”? Es bedeutet, dass Dankbarkeit kein Passwort ist, um Gottes Gegenwart freizuschalten. Sie ist die natürliche Reaktion von jemandem, der sie bereits hat. Du dankst Gott nicht, um ihn davon zu überzeugen, dich willkommen zu heißen. Du dankst ihm, weil er es bereits getan hat. Dankbarkeit wird zur Haltung von jemandem, der weiß, dass das Opfer vollbracht ist.
Und „seine Vorhöfe mit Lobpreis betreten“ bedeutet nicht mehr, sich Schritt für Schritt einem heiligen Ort zu nähern. Nach dem Kreuz bist du der Tempel des Heiligen Geistes. Du begibst dich nicht zu einem Vorhof. Du trägst seine Gegenwart in dir. Bei Lobpreis geht es nicht mehr darum, Gott dazu zu bringen, sich zu zeigen. Es geht darum, sich dessen bewusst zu werden, der nie gegangen ist.
In Psalm 100,4 geht es nach dem Kreuz nicht mehr darum, sich nach innen zu bemühen. Es geht darum, von innen heraus zu reagieren. Wenn sich das Leben chaotisch anfühlt, ist Dankbarkeit keine Verleugnung. Es ist Ausrichtung. Es erinnert dein Herz daran, dass deine Stellung vor Gott sicher ist. Wenn Angst zu sprechen versucht, ist Lobpreis keine Übertreibung. Es ist Zustimmung zu dem, was Jesus vollbracht hat. Du segnest seinen Namen nicht, um Gunst zu erlangen, sondern weil du darin lebst.
Unter dem alten Bund durften nur bestimmte Menschen zu bestimmten Zeiten bestimmte Orte betreten. Nach dem Kreuz hast du die Kühnheit, durch das Blut Jesu in das Allerheiligste einzutreten. Nicht gelegentlich. Nicht vorsichtig. Sondern selbstbewusst. Für den Gläubigen lautet Psalm 100,4 nun also: Gehe in deinen Tag mit dem Bewusstsein, dass du bereits dazugehörst. Lass Dankbarkeit dein Denken prägen. Lass Lobpreis deine Gefühle stabilisieren. Segne seinen Namen, denn du bist bereits Teil des Bundes, bereits vergeben, bereits angenommen. Du klopfst nicht an Tore. Du lebst innerhalb dieser Tore.
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