
Unter den zwölf Jüngern gab es einen, der die Geldbörse trug.
Die Evangelien erwähnen dies beiläufig,
ohne Erklärung oder Kommentar,
als wäre es ein ganz normales Detail des Alltags.
Dieser Mann war Judas Iskariot.
In einer kleinen Reisegruppe
war eine gemeinsame Geldbörse notwendig.
Es musste Essen gekauft werden.
Den Armen wurde geholfen.
Jemand musste
das wenige Geld verwalten, das sie hatten.
Judas wurde diese Aufgabe anvertraut.
Er begleitete Jesus etwa drei Jahre lang,
hörte all die Jahre seinen Lehren zu
und verwaltete die Gelder des Dienstes.
Später blickte Johannes zurück und erzählte den Lesern
etwas, was die Jünger damals noch nicht erkannt hatten.
Judas nahm sich regelmäßig Geld aus der Kasse (Johannes 12,6).
Dieses Detail wurde nicht geschrieben, um Judas‘ Bosheit zu übertreiben,
sondern um zu zeigen, wie still sein Herz sich tatsächlich
bereits vom rechten Weg entfernt hatte.
Sein Verrat begann nicht im Garten.
Er begann, als er noch nah war,
noch beteiligt war und noch vertraut wurde.
Als Judas zu den Hohenpriestern ging
und sich bereit erklärte, Jesus auszuliefern,
zahlten sie ihm dreißig Silberstücke
(Matthäus 26,14–16).
Das war keine große Summe.
Im Alten Testament war dies der Preis, der für einen Sklaven festgelegt wurde.
Matthäus zeigte später, dass dies kein zufälliges Detail war.
Es spiegelte die Worte des Propheten Sacharja wider,
wo der Lohn eines Hirten abgewogen
und als etwas Geringes und Vernachlässigbares behandelt wurde.
Die schmerzhafte Wahrheit war einfach:
Judas verkaufte Jesus nicht für viel Geld.
Er verkaufte ihn so billig.
Die Evangelien sagen nicht, dass Judas
hungerte, verzweifelt war oder in großer Not steckte.
Sie sagen lediglich, dass er zustimmte und das Geld nahm.
Die Sprache bleibt klar und zurückhaltend,
als wolle die Schrift den Lesern keine Ausreden liefern.
Judas traf eine Entscheidung, das ist alles.
Lukas berichtet, dass Satan in Judas fuhr (Lukas 22,3).
Das nahm ihm nicht die Verantwortung.
Es wies auf etwas Tieferes hin.
Bei Judas ging es bei dem Verrat nie
nur um Geld oder Enttäuschung.
Es war ein geistlicher Kampf.
Ein Herz hatte sich langsam
für etwas anderes als das Vertrauen in Gott geöffnet.
Was den Bericht noch schwerer zu lesen machte,
war, dass Jesus die ganze Zeit davon wusste.
Jesus Christus hatte Judas nach einer Nacht des Gebets ausgewählt.
Er erlaubte ihm, unter den Zwölf zu bleiben.
Er vertraute ihm sogar die Geldtasche an.
All das, obwohl Jesus sich der Verrat, der gegen Ende geschehen würde, bewusst war.
Aber er schirmte sich nicht vor dem Verrat ab.
Er ging zum Kreuz und wusste genau,
wer ihn ausliefern würde.
Ich glaube nicht, dass diese Geschichte erhalten geblieben ist,
damit wir Leser auf Judas herabblicken können.
Sie wurde geschrieben, damit wir in uns gehen.
Sie warnt uns davor, dass jemand Jesus in seinen Taten nahe sein kann
und dennoch in seinem Herzen abdriftet.
Sie erinnert uns daran, dass das, woran wir still festhalten,
langsam das umformen kann, was unser Herz wirklich liebt.
Am Ende verlor Judas mehr als nur Geld.
Und Jesus, der für einen Preis verkauft wurde, wurde
zu dem, der Leben ohne Preis schenkte.
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