
Als Markus die Heilung des blinden Bartimäus aufschrieb, erwähnte er ein kleines Detail, das man leicht übersehen kann, das man aber kaum vergisst, wenn man es mal bemerkt hat.
Als Bartimäus am Straßenrand saß und bettelte, hörte er, dass Jesus von Nazareth vorbeikam. Er fing an zu rufen:
„Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“
(Markus 10,47)
Die Leute schimpften mit ihm und sagten, er solle still sein. Aber er schrie nur noch lauter.
Da blieb Jesus stehen.
Als Jesus ihn rief, schrieb Markus:
„Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und kam zu Jesus.
Die Leute schimpften mit ihm und sagten, er solle
still sein, aber er schrie nur noch lauter.
Da blieb Jesus stehen.
Und als Jesus ihn rief, schrieb Markus:
„Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf
und kam zu Jesus.“ (Markus 10,50)
Dieses Detail verdient etwas mehr Aufmerksamkeit.
Markus sagte nicht einfach, dass Bartimäus aufstand.
Er sagte nicht einfach, dass er zu Jesus kam.
Er erzählte uns, dass Bartimäus „seinen Mantel abwarf“.
Auf den ersten Blick mag das wie
eine unbedeutende Bewegung in der Geschichte klingen.
Aber in einer Erzählung, in der Details
oft sorgfältig bewahrt werden,
scheint diese Geste bewusst gewählt zu sein.
Warum wird der Mantel erwähnt?
Die Antwort wird klar,
wenn wir uns daran erinnern, wer
Bartimäus in diesem Moment war.
Er war blind.
Er saß am Straßenrand.
Und Markus sagt ausdrücklich,
dass er ein Bettler war.
Für jemanden in dieser Lage
war ein Mantel kein unbedeutendes Accessoire.
In der Antike konnte ein Mantel
als Kleidungsstück dienen,
als Schutz vor Kälte,
als Decke für die Nacht
und sogar als praktisches
Mittel, um Almosen zu sammeln.
Für einen armen Mann, der am Straßenrand saß,
war er vielleicht einer der
wenigen Besitztümer, die er hatte.
Das heißt, der Mantel war
nicht nur etwas, das er trug.
Er war Teil seines Überlebens.
So gesehen wird diese Geste
noch beeindruckender.
Als Jesus ihn rief, raffte sich Bartimäus
nicht langsam auf.
Er sicherte nicht zuerst seine Habseligkeiten.
Er warf den Mantel beiseite und ging
auf die Stimme zu, die ihn rief.
Diese Handlung deutet auf Dringlichkeit hin,
aber sie verrät auch etwas über den Glauben.
Bartimäus hatte um Gnade gefleht,
als jemand, der Jesus noch nicht sehen konnte,
aber als Jesus ihn rief,
reagierte er wie jemand,
der glaubte, dass es wichtiger war,
zu Christus zu kommen, als
an dem festzuhalten, was ihn
durch seine alte Situation gebracht hatte.
Der Mantel gehörte zum Leben
eines blinden Bettlers am Straßenrand.
Aber Bartimäus klammerte sich nicht daran,
als Jesus ihn rief.
Das heißt aber nicht, dass der Mantel
selbst sündhaft war.
Markus stellt es nicht so dar.
Der Punkt ist nicht, dass Kleidung
aufgegeben werden musste, sondern dass
Bartimäus, als der Moment kam,
sich nicht von dem, was
einst notwendig gewesen war,
davon abhalten ließ,
sich auf Jesus zuzubewegen.
Die Geschichte wird auch
bedeutungsvoller, wenn man sie
in ihrem unmittelbaren Kontext betrachtet.
Kurz vor dieser Begebenheit
hatte Jesus erneut über
sein bevorstehendes Leiden, seinen Tod
und seine Auferstehung gesprochen.
Und kurz vor Bartimäus
hatten Jakobus und Johannes
Jesus angesprochen, um
Ehrenplätze in seinem Reich zu erhalten.
Dieser Kontrast ist bemerkenswert.
Die Jünger konnten zwar sehen,
hatten aber immer noch Schwierigkeiten zu verstehen,
was für ein Messias Jesus war.
Bartimäus war zwar blind,
erkannte ihn aber als den „Sohn Davids”
und bat ihn um Gnade.
Und als er gerufen wurde,
reagierte er ohne zu zögern.
In diesem Sinne wird der Mantel
Teil des größeren Themas
des Sehens im Markusevangelium.
Bartimäus war immer noch blind,
aber er bewegte sich entschlossen auf Jesus zu.
Andere konnten mit ihren Augen sehen,
waren aber langsam darin, mit dem Glauben wahrzunehmen.
Nachdem Bartimäus zu ihm gekommen war, fragte Jesus:
„Was soll ich für dich tun?“
(Markus 10,51)
Bartimäus antwortete klar und deutlich:
„Rabbi, ich möchte wieder sehen können.“
Jesus meinte zu ihm:
„Geh, dein Glaube
hat dich geheilt.“
(Markus 10,52)
Und Markus erzählt uns, dass er sofort
wieder sehen konnte und
Jesus auf seinem Weg folgte.
Dieser letzte Satz ist auch wichtig.
Bartimäus hat nicht einfach sein Augenlicht zurückbekommen
und ist dann wieder an seinen alten Platz am Straßenrand zurückgegangen.
Er ist Jesus auf seinem Weg gefolgt.
Der Mantel, den er am Straßenrand liegen ließ,
zeigt still diesen Wendepunkt.
Er gehörte zu dem Leben, das er vorher gekannt hatte.
Der Weg, den er danach eingeschlagen hat, war anders.
Wenn man das im Kontext der ganzen Geschichte der Bibel liest,
hat diese Szene eine stille Bedeutung.
Christus ruft Menschen oft,
während sie sich noch in einer Situation der Not,
der Begrenzung und der Abhängigkeit befinden.
Er wartet nicht, bis sie
ganz und gar gesund sind, bevor
Er sie zu sich ruft.
Aber wenn Sein Ruf kommt,
entsteht ein Moment der Entscheidung.
Etwas muss zurückgelassen werden,
nicht weil es immer schlecht war,
sondern weil es zu der
alten Lebenshaltung gehörte, bevor
Seine wiederherstellende Gnade wirkte.
Bartimäus warf seinen Mantel weg,
weil die Stimme Jesu
wichtiger geworden war
als die Sicherheit dessen, was er kannte.
Und vielleicht hat Markus deshalb
dieses Detail festgehalten.
Manchmal ist das deutlichste Zeichen des Glaubens
nicht, dass jemand schon alles klar sieht,
sondern dass er,
wenn Christus ruft, aufsteht
und auf ihn zugeht,
ohne an den alten Dingen festzuhalten,
die ihm einst halfen,
dort zu bleiben, wo er war.
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