
In den Evangelien gibt’s ’ne Stelle, wo das größte Versagen einer Frau öffentlich gemacht wird. Die religiösen Chefs bringen sie in den Tempel, während Jesus gerade predigt (Johannes 8,1–2). Sie stellen sie in die Mitte der Menge und sagen, dass sie beim Ehebruch erwischt wurde (Johannes 8,3–4). In dieser Kultur war das nicht nur eine Sünde, sondern auch ’ne tiefe Demütigung. Nach dem Gesetz Moses wurde Ehebruch mit Steinigung bestraft (3. Mose 20,10; 5. Mose 22,22). Die Führer zitieren das Gesetz und wenden sich dann an Jesus und fragen: „Was sagst du dazu?“ (Johannes 8,5). Die Bibel erklärt, dass sie nicht wirklich Gerechtigkeit suchten. Sie versuchten, ihn in eine Falle zu locken (Johannes 8,6). Wenn er sagt, man solle sie steinigen, erscheint er hart und gnadenlos. Wenn er sich weigert, können sie ihn beschuldigen, das Gesetz zu missachten. Die Frau steht da, umgeben von Menschen, die Steine in den Händen halten. Ihre Schande ist öffentlich. Ihre Zukunft scheint vorbei zu sein. Alles in diesem Moment deutet darauf hin, dass ihr Leben vorbei ist.
Aber Jesus macht was Unerwartetes. Anstatt sofort zu antworten, bückt er sich und schreibt auf den Boden (Johannes 8,6). Während die Ankläger eine Antwort verlangen, verlangsamt Gnade den Moment. Schließlich steht Jesus auf und sagt: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie“ (Johannes 8,7). Dann bückt er sich wieder (Johannes 8,8). Einer nach dem anderen lassen die Steine fallen. Die älteren Männer gehen zuerst, dann die anderen, bis die Menge verschwunden ist (Johannes 8,9). Die Leute, die bereit waren, sie zu verurteilen, gehen leise weg. Bald ist der Hof leer. Nur zwei Leute bleiben zurück. Die schuldige Frau und der sündlose Retter. Jesus steht auf und stellt ihr eine einfache Frage: „Frau, wo sind sie? Hat dich niemand verurteilt?“ (Johannes 8,10). Sie antwortet: „Niemand, Herr.“ Dann spricht Jesus Worte, die durch die Geschichte hallen. „Auch ich verurteile dich nicht; geh und sündige von nun an nicht mehr“ (Johannes 8,11).
Dieser Moment offenbart etwas Kraftvolles über das Herz Gottes. Der einzige Mensch in dieser ganzen Szene, der das Recht hatte, sie zu verurteilen, weigerte sich, dies zu tun. Jesus tat nicht so, als sei Sünde etwas Gutes. Aber er konnte diese Worte sagen, weil er bald am Kreuz etwas vollbringen würde. Jesus konnte sagen: „Auch ich verurteile dich nicht“, weil die Verurteilung, die ihr zustand, bald auf ihn am Kreuz fallen würde. In der Bibel steht: „So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind“ (Römer 8,1). Am Kreuz trug Jesus die ganze Last des menschlichen Versagens. Die Strafe, die uns zustand, wurde stattdessen auf ihn gelegt (Jesaja 53,5–6; 1. Petrus 2,24). Die Bibel sagt: „Durch ein einziges Opfer hat er für immer diejenigen vollendet, die geheiligt werden“ (Hebräer 10,14). Wegen des vollbrachten Werks von Jesus hat die Verurteilung nicht mehr das letzte Wort über das Leben eines Gläubigen.
Deshalb ist die Geschichte dieser Frau so befreiend für jeden, der sich für seine größten Fehler schämt. Vielleicht hast du das Gefühl, dass deine schlimmste Entscheidung dich ausmacht. Vielleicht bereust du etwas, das du vor Jahren getan hast. Vielleicht glaubst du, dass die Leute dich ablehnen würden, wenn sie deine Vergangenheit wirklich kennen würden. Scham kann uns einreden, dass unsere Geschichte vorbei ist. Aber das Evangelium erzählt eine andere Geschichte. Wenn Jesus zwischen dir und deiner Verurteilung steht, fallen die Steine weg. Dein Versagen mag real sein, aber es hat nicht die letzte Autorität über dein Leben. Das hat das Kreuz. Jesus hat deine Sünden auf sich genommen, damit deine Identität in seiner Gerechtigkeit verwurzelt ist und nicht in deinen Fehlern (2. Korinther 5,21). Die Schrift sagt, dass Gott sich nicht mehr an unsere Sünden erinnert (Hebräer 10,17) und dass wir durch das Blut Christi zu ihm gebracht worden sind (Epheser 2,13).
Die Frau erwartete an diesem Tag den Tod, aber sie begegnete Gnade. Und dieselbe Gnade spricht auch heute noch. Wenn du zu Jesus gehörst, ist dein größtes Versagen nicht stärker als sein vollbrachtes Werk. Die Stimme, die dich jetzt definiert, ist nicht die Stimme der Anklage, sondern die Stimme des Erlösers, der sagt: „Auch ich verurteile dich nicht.“ Gnade hebt zuerst deine Verurteilung auf. Sobald die Verurteilung weg ist, beginnt ganz natürlich ein neues Leben zu wachsen (Titus 2,11–12). Deine Vergangenheit mag erklären, wo du gewesen bist, aber sie entscheidet nicht mehr darüber, wohin du gehst. Denn derselbe Jesus, der diese Frau verteidigt hat, steht jetzt als Verteidiger aller da, die ihm vertrauen (Römer 8,33–34). Und durch sein vollbrachtes Werk hat die Verurteilung nicht mehr das letzte Wort. Das hat die Gnade.
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