
Ich komme mal wieder auf die Geschichte von David und Jonathan in 1. Samuel 18–20 zurück und versuche, sie langsam und im historischen Kontext zu lesen. Es ist einfach, ihre Beziehung als einfache Lektion über Freundschaft zu sehen. Aber wenn man genauer hinschaut, ist der Kontext politisch, fragil und gefährlich.
Jonathan war der Sohn von König Saul.
Nach der normalen Thronfolge war er
der Erbe des Throns von Israel.
Er hatte schon in 1. Samuel 14 Mut
und Glauben im Kampf gezeigt.
Er war nicht schwach oder passiv.
Er war ein Prinz, der auf den Herrn vertraute
und entschlossen handelte.
Menschlich gesehen lag die Zukunft des Königreichs in seinen Händen.
David war jedoch schon
in 1. Samuel 16 von Samuel gesalbt worden.
Diese Salbung fand im Stillen statt,
aber sie markierte Gottes Wahl.
Als David später Goliath besiegte
und die Gunst des Volkes gewann,
wurden die Spannungen sichtbar.
Der Gesang der Frauen in 1. Samuel 18,7
weckte Sauls Eifersucht, und von diesem
Zeitpunkt an war das Königreich in Unruhe.
In diesem Zusammenhang heißt es in 1. Samuel 18,1,
dass Jonathans Seele
mit Davids Seele verbunden war.
Jonathan schloss einen Bund mit ihm.
Dann zog er sein Gewand, seine Rüstung,
sein Schwert, seinen Bogen und seinen Gürtel aus
und gab sie David (1. Samuel 18,4).
Das waren keine gewöhnlichen Gegenstände.
Das Gewand symbolisierte königliche Würde.
Die Waffen standen für
Autorität und Stärke.
Ich glaube, dass Jonathans Handlung bewusst war.
Er verbündete sich mit David zu einer Zeit,
als die Unterstützung Davids ihn seine Zukunft kosten konnte.
Im weiteren Verlauf der Erzählung
wird Sauls Eifersucht gewalttätig.
In 1. Samuel 20 stand Jonathan zwischen der Loyalität zu seinem Vater und der Loyalität
zu seinem Bund mit David.
Seinen Vater zu ehren war
in Israel eine wichtige Pflicht.
Trotzdem entschied sich Jonathan, David zu warnen
und ihm Sauls Absichten zu bestätigen.
Er leugnete die Gefahr nicht.
Er gab nicht vor, neutral zu sein.
Er erkannte an, was der Herr tat.
In 1. Samuel 23,17 sagte Jonathan zu David:
„Du sollst König über Israel sein,
und ich werde neben dir stehen.“
Diese Aussage zeigt, dass er sich dessen bewusst war.
Jonathan erkannte, dass das Königreich
letztendlich dem Herrn gehörte.
Er klammerte sich nicht daran wie an persönliches Eigentum.
Er unterwarf sich Gottes souveräner Führung,
auch wenn er dadurch verdrängt wurde.
Nach Jonathans Tod in 1. Samuel 31
trauerte David aufrichtig (2. Samuel 1).
Jahre später, in 2. Samuel 9, suchte David
Mefiboschet, Jonathans Sohn, auf und zeigte
ihm aus Liebe zu Jonathan Güte.
Der Bund, den sie in ihrer Jugend geschlossen hatten,
wurde in der nächsten Generation fortgesetzt.
Ihre Beziehung war nicht nur
sentimental, sondern auch vertraglich.
Wenn ich über diese Geschichte nachdenke, wird mir klar,
dass keine Figur des Alten Testaments für sich allein steht.
Jonathans Loyalität trug dazu bei, Davids Leben zu retten.
Und Davids Erhalt war über seine eigene Regierungszeit hinaus von Bedeutung.
In 2. Samuel 7,12–16 versprach der Herr,
dass Davids Haus und Königreich Bestand haben würden
und dass aus diesem Geschlecht schließlich der Messias hervorgehen würde.
Das Matthäusevangelium beginnt damit,
dass Jesus Christus
als Sohn Davids bezeichnet wird (Matthäus 1,1).
Jonathan wusste nicht, was Gott
durch Davids Linie alles erreichen würde.
Er entschied sich einfach, sich
dem anzuschließen, was der Herr in seiner Generation tat.
Doch seine Treue wurde Teil
der größeren Erlösungsgeschichte,
die sich durch David
und schließlich bis zu Christus fortsetzte.
Wenn man das bedenkt, wirkt die Erzählung
solider und lehrreicher, ohne dramatisch zu sein.
Jonathan stand nicht im Mittelpunkt der Erlösungsgeschichte.
David auch nicht. Aber beide waren Teil davon.
Ihr Gehorsam und ihre Loyalität waren
in Gottes sich entfaltenden Plan eingebunden.
Diese Erkenntnis macht mich demütig.
Sie erinnert mich daran, dass Treue
in einer Generation Zwecken dienen kann,
die weit über das hinausgehen, was zu dieser Zeit sichtbar ist.
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