
Eine der stillen Revolutionen des Evangeliums findet man nicht in einem Wunder oder einer Predigt, sondern an einem Tisch. Immer wieder sieht man in den Evangelien, wie Jesus mit Leuten isst, die alle anderen meiden. Zöllner. Prostituierte. Moralisch Fragwürdige. Geistlich Unreine. Was die religiösen Führer schockiert, ist nicht nur, wem Jesus vergibt, sondern wo er sich hinsetzt. Tische waren Orte der Vertrautheit, der Akzeptanz und des gemeinsamen Lebens. Jesus schwebt nicht über den Sündern, um sie zu korrigieren. Er liegt mit ihnen zusammen auf dem Sofa.
Das ist kein neues Verhalten für Gott. Es ist uralt.
Im Alten Testament rettet Gott Israel nicht aus Ägypten und hält dann Abstand, bis sie sich zusammengerissen haben. Er wohnt mit ihnen in der Wüste. Er platziert seine Gegenwart in der Mitte eines Lagers voller Angst, Murren, Unglauben und Rebellion. Die Stiftshütte wird nicht außerhalb des Chaos errichtet. Sie wird mitten darin aufgestellt. Gott lebt unter unvollkommenen Menschen, ohne durch ihre Unvollkommenheit beeinträchtigt zu werden.
Das ist das Muster, das Jesus erfüllt.
Wenn Jesus mit Sündern isst, mindert er nicht seine Heiligkeit. Er offenbart, was Heiligkeit schon immer war. Bei Heiligkeit ging es nie um Distanz zu Gebrochenheit. Es ging um Gegenwart ohne Verunreinigung. Gott bleibt nicht heilig, indem er Sünder meidet. Er bleibt heilig, indem er in ihrer Nähe unverfälscht bleibt. Jesus wird nicht von der Sünde angesteckt. Die Sünde verliert in seiner Gegenwart ihre Macht.
Deshalb verstehen ihn die religiösen Führer falsch. Sie glauben, dass Heiligkeit zerbrechlich ist, etwas, das durch Trennung geschützt werden muss. Jesus zeigt, dass Heiligkeit mächtig ist, etwas, das durch Nähe verwandelt. Er wird nicht durch die Sünder am Tisch verunreinigt. Sie werden durch seine Gegenwart geehrt. Die Richtung des Einflusses ist wichtig. Heiligkeit fließt nach außen, nicht nach innen.
Das ist das Evangelium in Aktion. Gott hat keine Angst vor der Nähe zu Gebrochenheit. Er bewegt sich auf sie zu. In der Wüste versorgte er Israel täglich mit Nahrung, führte es geduldig und blieb treu, auch wenn es selbst untreu war. An den Tischen der Sünder tut Jesus dasselbe. Er nährt, hört zu, stellt wieder her und ruft die Menschen zu einem neuen Leben, ohne von ihnen zu verlangen, dass sie sich zuerst reinigen.
Das bringt den Gläubigen, die immer noch denken, dass Gott emotionale Distanz hält, wenn sie Probleme haben, enormen Frieden. Viele leben so, als wäre Gott nah, wenn es ihnen gut geht, und weit weg, wenn es ihnen schlecht geht. Aber der Tisch Jesu erzählt eine andere Geschichte. Er wartet nicht auf moralische Besserung, um sich zu nähern. Er nähert sich, um Veränderung zu bewirken. Gnade folgt nicht auf Veränderung. Gnade schafft sie.
Die praktische Anwendung ist einfach und befreiend. Du musst dein Chaos nicht verstecken, um Gott nahe zu sein. Du musst keine Heiligkeit vorweisen, um seine Gegenwart zu verdienen. Wenn Gott mit Israel in der Wüste gelebt hat und sich in den Evangelien zu Sündern gesetzt hat, dann ist ihm deine Schwäche jetzt nicht unangenehm. Seine Gegenwart wird durch deine Ehrlichkeit nicht bedroht.
Dies verändert auch die Sichtweise der Gläubigen auf andere. Wenn Heiligkeit keine Distanz erfordert, dann erfordert Liebe keine Angst. Wir ziehen uns nicht von gebrochenen Menschen zurück, um Gottes Ruf zu schützen. Wir zeigen sein Herz, indem wir da sind. Nicht, um Sünde gut zu heißen, sondern um Gnade an Orte zu bringen, an denen zu lange Scham herrschte.
Dass Jesus mit Sündern isst, ist keine Strategie. Es ist eine Offenbarung. Es zeigt uns, dass Gott schon immer bereit war, mit unvollkommenen Menschen zusammenzuleben. Die Wüste war der Beweis dafür. Der Tisch war der Beweis dafür. Und das Kreuz sollte der ultimative Beweis dafür werden.
Heiligkeit bedeutete nie Distanz.
Sie bedeutete, dass Gott bei uns ist.
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