
Für viele Gläubige fühlt sich Matthäus 22,14 weniger wie eine gute Nachricht an, sondern eher wie eine Warnung. „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt“ wurde oft so verstanden, dass Gott zwar viele einlädt, aber nur wenige auswählt. Mit der Zeit kann das zu einem leisen Misstrauen gegenüber Gottes Herz führen. Die Leute fragen sich, ob sie wirklich erwünscht sind oder nur an der Tür stehen dürfen. Diese Art zu denken schafft kein Vertrauen, sondern macht uns nervös.
Jesus sagt diese Worte am Ende einer Parabel, und die Parabel ist wichtig. Er macht keine theologische Aussage über göttliche Bevorzugung. Er erzählt eine Geschichte über ein Hochzeitsfest. Ein König bereitet ein Fest für seinen Sohn vor und verschickt großzügig Einladungen. Das Fest ist vorbereitet. Der Tisch ist gedeckt. Es fehlt an nichts. Das Problem in der Geschichte ist nicht die Einladung. Das Problem ist die Reaktion darauf.
Einige weigern sich zu kommen. Andere nehmen die Einladung nicht ernst. Einige lehnen sie rundweg ab. Schließlich wird die Einladung noch weiter verbreitet, auch an Leute, die nie damit gerechnet hätten, eingeladen zu werden. Der Saal füllt sich. Das Fest findet statt. Die Auserwählten in der Geschichte sind nicht die Qualifiziertesten oder am besten Vorbereiteten. Es sind einfach diejenigen, die die Einladung angenommen haben und gekommen sind.
Wenn Jesus sagt, dass viele berufen sind, zeigt er die Großzügigkeit Gottes. Die Berufung ist weitreichend. Sie ist aufrichtig. Sie gilt für alle. Wenn er sagt, dass nur wenige auserwählt sind, beschreibt er die Tatsache, dass nicht jeder Ja sagt. In diesem Gleichnis geht es nicht darum, dass Gott die Tür verengt. Es geht darum, dass die Leute durch sie hindurchgehen.
Dieser Vers wird oft so gelehrt, dass er das Evangelium subtil verzerrt. Manche präsentieren ihn als Beweis dafür, dass Gott nur eine kleine Anzahl von Menschen will. Andere nutzen ihn, um durch die Angst vor dem Ausschluss zur Heiligkeit zu motivieren. Wieder andere stellen ihn als ein Geheimnis dar, das die Gläubigen eher zum Schweigen bringen soll, als ihnen Zuversicht zu geben. Diese Lehren mögen ehrfürchtig klingen, aber sie widersprechen stillschweigend dem Charakter Gottes, der sich in Jesus offenbart hat.
Durch das vollendete Werk Christi ist die Einladung bereits ausgesprochen worden. Das Kreuz ist nicht selektiv. Jesus ist nicht zweideutig gestorben. Die Schrift sagt, dass er den Tod für alle gekostet hat. Das Festmahl ist nicht durch Gottes Bereitschaft begrenzt, sondern durch den Widerstand der Menschen. Gnade wird frei angeboten, aber Gnade kann nicht empfangen werden, wenn sie ständig abgelehnt wird.
Dieses Missverständnis wirkt sich auf das reale Leben aus. Es führt dazu, dass Gläubige zurückhaltend statt dankbar leben. Es verwandelt das Gebet in eine Verhandlung. Es ersetzt Gewissheit durch Selbstzweifel. Die Menschen beginnen, ihr Verhalten nicht als Frucht der Beziehung, sondern als Beweis für ihre Zugehörigkeit zu bewerten. Mit der Zeit schwindet die Freude und Gehorsam wird zu einer Transaktion.
Richtig gelesen, bringt Matthäus 22,14 Erleichterung. Es sagt uns, dass Gott sich nicht hinter Ausgrenzung versteckt. Er steht an der Tür mit einer offenen Einladung. Im Evangelium geht es nicht darum, herauszufinden, ob man auserwählt ist. Es geht darum, dem zu vertrauen, der ruft.
Unter dem Neuen Bund verlagert sich die Anwendung von Angst zu Glauben. Man strebt nicht danach, ausgewählt zu werden. Man antwortet, weil man eingeladen ist. Man verdient sich keinen Platz am Tisch. Man nimmt den Platz an, der bereits für einen vorbereitet ist. Die Auserwählten sind nicht die Elite. Sie sind die Empfänglichen.
Gnade und Wahrheit treffen hier auf kraftvolle Weise aufeinander. Die Wahrheit ist, dass nicht jeder auf Gnade reagiert. Gnade ist, dass Gott nie aufhört, sie anzubieten. Matthäus 22,14 offenbart kein enges Herz Gottes. Es offenbart eine großzügige Einladung, die darauf wartet, angenommen zu werden.
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