
Johannes 20,17 ist einer dieser Verse, die einen verunsichern können, wenn man sie zu schnell liest. Jesus ist von den Toten auferstanden. Maria Magdalena erkennt ihn. Ihre Trauer wird zu Ehrfurcht und ihr Kummer zu Freude. Und in diesem Moment sagt Jesus etwas, das fast überraschend wirkt. „Halte mich nicht fest, denn ich bin noch nicht zum Vater aufgefahren“ (Johannes 20,17, ESV). Für viele Gläubige wirft dieser Satz stille Fragen auf. Warum würde Jesus sich in einem so zärtlichen Moment zurückziehen? Warum würde er Distanz schaffen, wenn Trost am dringendsten gebraucht wird? Aber Jesus schafft keine Distanz. Er schafft Frieden.
Maria greift nach Jesus, weil sie denkt, dass sie ihn wieder verlieren wird. Ihr Instinkt ist menschlich und verständlich. Sie hat ihn bereits einmal sterben sehen. Sie hat bereits einen unerträglichen Verlust erlebt. Als sie merkt, dass er lebt, will sie ihn festhalten, nicht nur aus Zuneigung, sondern auch aus Angst vor der Trennung. Jesus sieht das. Und anstatt ihre Trauer zu tadeln, gibt er dem Moment sanft eine neue Bedeutung. Als Jesus sagt: „Halte mich nicht fest“, weist er sie nicht zurück. Er beruhigt sie. Er sagt ihr, dass dieses Wiedersehen nicht nur vorübergehend, zerbrechlich oder gefährdet ist. Er sagt ihr im Wesentlichen, dass sie sich nicht mehr aus Angst festhalten muss. Ich gehe nicht weg, so wie du denkst.
Dann offenbart Jesus etwas Erstaunliches. „Geh zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott“ (Johannes 20,17, ESV). Dies ist das erste Mal, dass Jesus nach der Auferstehung so spricht. Er sagt nicht nur „mein Vater“, sondern „dein Vater“. Er sagt nicht nur „mein Gott“, sondern „dein Gott“. Mit einem Satz bringt Jesus die Gläubigen in seine eigene Beziehung zum Vater. Was wie Zurückhaltung klingt, ist in Wirklichkeit Einbeziehung. Was sich wie Distanz anfühlt, ist in Wirklichkeit eine Einladung.
Jesus sagt nicht, dass Maria ihn nicht berühren darf. Tatsächlich lädt er später Thomas ein, seine Wunden zu berühren. Was Jesus hier anspricht, ist nicht der physische Kontakt. Es ist die emotionale Bindung, die in der Angst vor dem Verlust begründet ist. Maria hält an der alten Art der Beziehung zu Jesus fest, in der seine physische Gegenwart als Quelle der Sicherheit empfunden wird. Jesus führt sie sanft in eine tiefere Realität, in der seine Gegenwart nicht mehr durch Nähe begrenzt ist. Die Auferstehung verändert alles. Jesus ist nicht mehr ein Rabbi, der verloren gehen, verhaftet oder erneut getötet werden kann. Er ist der auferstandene Sohn, der sich darauf vorbereitet, aufzusteigen, damit sein Leben durch den Heiligen Geist mit vielen geteilt werden kann. Wenn Maria an ihm festhält, wie er war, wird sie verpassen, was er für sie und für alle Gläubigen wird.
Das ist ein großer Trost für uns. Jesus verlangt von den Gläubigen nicht, dass sie ihren Halt an ihm lockern. Er verlangt von ihnen, dass sie ihren Halt an der Angst lockern. Er sagt, dass die Beziehung jetzt sicher, dauerhaft und vollendet ist. Die Himmelfahrt bedeutet nicht, dass Jesus die Menschheit zurücklässt. Es bedeutet, dass Jesus die Menschheit mit sich in die Gegenwart des Vaters nimmt. Johannes 20,17 sagt uns, dass wir nicht mehr von außen mit Gott in Beziehung stehen. Wir sind nicht mehr Gäste, die hoffen, in seine Nähe gelassen zu werden. Wir sind Söhne und Töchter. Der gleiche Vater, zu dem Jesus geht, ist jetzt unser Vater, und der gleiche Zugang, den Jesus hat, wird jetzt durch ihn mit uns geteilt.
Deshalb kann Jesus sagen: Haltet nicht fest. Es gibt nichts mehr zu verlieren. Für Gläubige, die Trauer, Unsicherheit oder Veränderungen durchleben, spricht dieser Vers leise, aber kraftvoll. Ihr werdet nicht verlassen werden. Ihr werdet nicht zurückgelassen werden. Was sich wie Distanz anfühlt, ist in Wirklichkeit Gott, der euch in etwas Sichereres hineinzieht, als ihr es je gekannt habt. Jesus ist nicht zerbrechlich, und deine Beziehung zu ihm ist nicht zerbrechlich. Sie hängt nicht davon ab, wie fest du dich festhältst. Sie hängt davon ab, was er bereits vollbracht hat.
Johannes 20,17 ist keine Warnung. Es ist eine Einladung. Eine Einladung zur Ruhe. Eine Einladung zum Vertrauen. Eine Einladung, aufzuhören, sich aus Angst festzuhalten, und anzufangen, in dem vollendeten Werk Christi zu stehen. Du verlierst Jesus nicht. Du wirst nach Hause gebracht.
by Jule with no comments yet