
Jakobus und Johannes hatten einen Spitznamen.
Und der war nicht gerade subtil.
Jesus nannte sie „Söhne des Donners”.
Das klingt zunächst einmal heroisch. Dramatisch. Wie etwas, das man auf ein Schild gravieren oder vor dem Angriff in der Schlacht rufen würde. Aber wenn man Jesus kennt, wenn man Menschen kennt, insbesondere junge Menschen, dann weiß man, dass dieser Spitzname wahrscheinlich mit einem bestimmten Blick einherging. Einem Blick, der sagt: „Ich liebe euch von ganzem Herzen … und ihr seid anstrengend.”
Denn Jakobus und Johannes waren sehr lebhaft.
Es waren diese Brüder, die, als ein samaritanisches Dorf sich weigerte, Jesus aufzunehmen, sofort auf die Idee kamen, Feuer vom Himmel herabzurufen, um es auszulöschen. Keine Pause. Keine Diskussion. Kein „Hey, vielleicht sollten wir das erst einmal besprechen.“ Sondern direkt zum göttlichen Blitzschlag.
Jesus musste sie aufhalten und im Grunde sagen: „Auf keinen Fall. Deshalb sind wir nicht hier.“
Und ehrlich gesagt, erklärt allein dieser Moment den Donner.
Sie waren intensiv. Leidenschaftlich. Laut in ihren Meinungen. Sehr selbstbewusst. Die Art von Selbstbewusstsein, die sich zeigt, bevor die Weisheit vollständig entwickelt ist. Die Art, die davon ausgeht, dass die Überzeugung, im Recht zu sein, dasselbe ist wie tatsächlich im Recht zu sein.
Das bringt uns zu einem Detail, das wir oft übersehen.
Wie alt waren sie?
Die Bibel gibt uns keine Geburtstage. Aber sie gibt uns Hinweise. Und wenn man sie zusammenfügt, weisen sie alle in die gleiche Richtung.
Jakobus und Johannes waren mit ziemlicher Sicherheit sehr jung. Wahrscheinlich Teenager oder gerade erst aus dem Teenageralter heraus.
Als sie zum ersten Mal im Markusevangelium auftauchen, sind sie Fischer, die noch mit ihrem Vater Zebedäus arbeiten. Es werden keine Ehefrauen erwähnt. Keine Kinder. Kein eigener Haushalt. Nur Netze, ein Boot und der Vater. In der jüdischen Kultur des ersten Jahrhunderts bedeutete das in der Regel, dass sie Ende Teenager oder sehr junge Erwachsene waren, keine erfahrenen Erwachsenen.
Dann gibt es noch die Details zur Tempelsteuer im Matthäusevangelium. Nur Jesus und Petrus werden als Zahler aufgeführt. Diese Steuer galt für Männer ab zwanzig Jahren. Es wird nicht erklärt, warum die anderen nicht zahlen, was stark darauf hindeutet, dass sie zu diesem Zeitpunkt unter zwanzig waren.
Nun vergleiche das mit dem tatsächlichen Verhalten von Jakobus und Johannes.
Im Lukasevangelium wollen sie Feuer vom Himmel herabrufen. Sie fragen Jesus selbstbewusst, ob sie zu seiner Rechten und Linken in Herrlichkeit sitzen dürfen, offenbar ohne darüber nachzudenken, wie das bei den anderen ankommen könnte. Sie sind mutig, impulsiv und absolut überzeugt, dass sie Recht haben.
Das allein beweist noch keine Jugendlichkeit. Auch Erwachsene können intensiv sein. Aber es passt außergewöhnlich gut zu Jugendlichen.
Und dann ist da noch Johannes.
Die kirchliche Tradition geht durchweg davon aus, dass der Apostel Johannes von allen Jüngern am längsten lebte, möglicherweise bis ins späte erste Jahrhundert hinein. Damit das stimmt, musste er fast sicher der Jüngste gewesen sein, als Jesus ihn berief. Viele Gelehrte schätzen Johannes auf Mitte Teenager. Jakobus, sein älterer Bruder, war wahrscheinlich etwas älter. Immer noch jung. Immer noch sehr donnernd.
Wenn Jesus sie also Söhne des Donners nennt, fühlt sich das nicht wie Spott an.
Es fühlt sich wie Ehrlichkeit an.
Nicht, um sie zu beschämen.
Nicht, um sie wegzuschieben.
Sondern um zu benennen, was bereits da war.
Und das Wichtigste an dieser Geschichte ist, dass Jesus sie in seiner Nähe behält.
Wäre der Donner ein Ausschlusskriterium, wären sie nicht in seinem inneren Kreis. Aber sie sind es. Immer und immer wieder. Das zeigt uns, dass der Spitzname keine Verurteilung war. Es war eine Identifikation. Jesus sah ihre Intensität und unterdrückte sie nicht. Er formte sie.
Und das Ergebnis ist bemerkenswert.
Jakobus wird der erste apostolische Märtyrer. Nicht rücksichtslos. Nicht reaktionär. Treu bis zum Ende.
Johannes, der Sohn des Donners, wird als Apostel der Liebe bekannt. Er schreibt über Licht, Wahrheit und Beständigkeit. Der Donner verschwindet nicht. Er reift. Er lernt, wann er sprechen und wann er schweigen muss.
Die Bibel sagt nie: „Jesus hat sie nur auf den Arm genommen.“
Aber sie zeigt uns, dass der Spitzname echt war, das Verhalten echt war, die Zurechtweisung echt war und die Verwandlung echt war.
Jesus wartet nicht darauf, dass die Menschen sich beruhigen, still werden oder erwachsen werden, bevor er sie ruft. Er ruft Menschen, die laut sind. Intensiv. Selbstbewusst. Jung. Menschen, die zu schnell das Falsche sagen und es dabei gut meinen.
Er löscht den Donner nicht aus.
Er lehrt ihn, wann er grollen und wann er still sein soll.
Und anscheinend fängt er früh damit an.
by Jule with 1 comment